, aber dann fragte ich leise: "Madame, est-ce que Jésus Christ a aussi une barbe noire?"
Diese schöne Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern, die Ordensbänder und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren, in unser Kloster gekommen; diese zogen alle weiter, sie allein blieb zurück, sie wandelte viel im Garten, sie hatte einen blitzenden Ring am Finger, den sie küsste, wenn sie in der dunklen Allee allein war. Da las sie ihre Briefe mit leiser stimme, und mit einem feinen weissen Tuch trocknete sie die weinenden Augen. Ich belauschte sie, ich liebte sie und weinte heimlich mit. Einmal trat ein schöner Mann in glänzender Uniform mit ihr in den Garten. Sie sprachen zärtlich miteinander. Der Mann hatte einen schwarzen Bart, er war grösser als sie, er hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab, und seine glänzenden Tränen blieben in seinem schwarzen Bart hängen; das sah ich, denn ich sass in der dunkeln Laube, an deren Eingang sie standen. Er seufzte tief und laut, er drückte sie ans Herz, und sie küsste die glänzenden Tränen im schwarzen Bart auf. Noch oft wandelte die schöne Frau in diesen einsamen Alleen, noch oft sah ich sie, weinend unter dem Baum, wo er Abschied genommen hatte, und endlich nahm sie den Schleier.
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Koblenz
Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben, wie hab ich mich danach gesehnt! Im Wandern durch fremde Strassen hab ich Deiner gedacht.
Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre, da üben der Ehrenbreitstein; er heisst wie die Basis Deines Ruhms, so muss der Würfel heissen, auf dem Dein Denkmal einst stehen wird. Gestern fielen mir wunderliche Gedanken aus den Wolken, ich hätte sie gern aufgeschrieben, ich war nicht allein, ich musste sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen.
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Alles, was dem Wesen der Liebe nicht zusagt, ist Sünde, und alles, was Sünde ist, sagt dem Wesen der Liebe nicht zu. Die Liebe hat eine persönliche Gewalt, die ein Recht an uns übt; ich unterwerfe mich ihrer Rüge, sie, und sie allein ist die stimme meines Gewissens.
Welche Anregungen auch im Leben vorkommen, welche Wendungen auch ein Geschick nimmt, sie ist der Weg der Modulation, der alle fremde Tonarten harmonisch auflöst, sie gibt die Erkenntnis, den Takt einer wahrhaft sittlichen Grösse. Sie ist strenge, und diese Strenge erregt leidenschaftlich für die Liebe, ich brenne vor Begierde zu tun, was ihr gemäss ist. Ich will gern jedes Gefühl, jede Regung an ihr abmessen.
Jetzt geh ich schlafen; könnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.
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Wenn heute der Tag wäre, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden trätest Du hier in meine vier Wände, in denen ich schon seit einem Sommer das Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehört eine grosse Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was Dich einnimmt, das erschliesst Dir eine neue Welt.
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Der Geist will Selbsterrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft; jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes, durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles, was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe, darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen göttlichen natur.
Hast Du geliebt? es war eine Spur göttlicher natur, Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen ist der Kreislauf Deiner geistigen natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in das Du geboren bist, dass Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so gross, so unendlich das Reich der Liebe, und doch umschliesst es das menschliche Herz.
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So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge, meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussähe; es war mir eine grosse Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern, umarmt von der Grossmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, – siehe, sie erhebt sich und kommt mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht länger