an meiner Seite, meine Worte sind der Geist, den Deine Brust aushaucht.
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Alle sinnliche natur wird Geist, aller Geist ist sinnliches Leben der Gotteit. – Augen, ihr seht! – Ihr trinkt Licht, Farben und Formen! – O Augen, ihr seid genährt durch göttliche Weisheit, aber alles tragt ihr der Liebe zu, ihr Augen; dass die Abendsonne ihre Glorie über euch spielen lässt, und der Wolkenhimmel eine heilige Farbenharmonie euch lehrt, in die alles einstimmt: die fernen Höhen, die grüne Saat, der silberne Fluss, der schwarze Wald, der Nebelduft, das gibt euch, ihr Augen, die Mutter natur zu trinken, während der Geist den schönen Abend verlebt im Anschauen des Geliebten. O ihr Ohren, euch umtönt die weite Stille, in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes, es naht sich ein zweites, es trägt euch Töne zu aus der Ferne, die Wellen schlagen seufzend ans Ufer, die Blätter lispeln, nichts regt sich in der Einsamkeit, was nicht sich euch vertraute, ihr Ohren. Ihr werdet getränkt durch das ganze Walten der natur, während Ohr, auge, Sprache und Genuss im Busen des Freundes tief versunken ist. Ach paradiesisches Mahl, wo die Kost sich in Weisheit verwandelt, wo Weisheit Wollust ist und diese Offenbarung wird.
Diese Frucht! Duftend, reif, niedersinkend aus dem Äter! – Welcher Baum hat sie abgeschüttelt von den überreichen Ästen? Während wir, Wange an Wange gelehnt, ihrer und der Zeit vergessen. Diese Gedanken, sind sie nicht die Äpfel, die der Baum der Weisheit trägt, und die er Liebenden in den Schoss schüttelt, die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen. – Damals war die Liebe in der Kindesbrust, die ihre Gefühle wie der junge Keim seine Blüten dichtgefaltet und verschränkt umschloss. Damals war sie! – und ihrem Drängen dehnte sich der Busen und öffnete sich, ihre Blüten zu entfalten.
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Ein Nönnchen wurde eingekleidet, eine andre haben wir begraben während den drei Jahren, als ich im Kloster war; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den Sarg gelegt, sie war die Gärtnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt, den man ihr aufs Grab pflanzte; sie war achtzig Jahre alt, und der Tod berührte sie sanft, während sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte, da hockte sie am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand, die sie eben einsetzen wollte; ich war der Vollstrecker ihres Testaments, denn ich nahm die Pflanzen aus der erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewühlte Erde, ich begoss sie mit dem letzten Krüglein wasser, was sie am Madlenenbrünnchen geholt hatte, die gute Schwester Monika! Wie schön wuchsen diese Nelken! Dunkelrot waren sie und gross. – Da mich später der, der mich liebt und kennt, einer dunklen Nelke verglich, da dachte ich an die Blumen, die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen Alters entnommen und eingepflanzt hatte, und ob es wohl so kommen werde, dass auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen überrasche; der Tod, der triumphierende Herold des Lebens, der Befreier von irdischer Schwere.
Aber jene andre Nonne, jung und schön, deren lange goldne Flechten ich auf goldnem Opferteller zum Altar trug: – ich hab nicht geweint, da man die alte Gärtnerin zu grab trug, obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche Gartenkunst gelehrt hatte. Es kam mir so natürlich vor und so behaglich, dass ich nicht einmal darüber verwundert war; aber damals, als ich im Chorhemdchen mit einem Kranz von Rosen auf dem Kopf, mit brennender Kerze als Geleitengel, unter dem Geläute aller Glokken vor der in alle üppige Pracht gekleideten jugendlichen Braut Christi einherschritt; da wir an das Gitter kamen, vor welchem der Bischof stand, der ihr die Gelübde abnahm, und er fragte, ob sie sich Christo vermählen wolle, und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bändern durchflochtenen Haare abschnitt, welche ich auf einem goldenen Teller empfing, da fielen meine Tränen auf diese Haare, und da ich hin zum Altar trat, um sie dem Bischof zu überreichen, da schluchzte ich laut, und alles Volk weinte mit.
Die junge Braut legte sich an die Erde, es wurde ein Leichentuch über sie gebreitet, die Nonnen wallten von allen Seiten herbei, je zu zweien Blumenkörbe tragend. Ich streute die Blumen auf das Leichentuch, während ein Requiem gesungen wurde. Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete über sie gesprochen; das irdische Leben war beendet, ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke auf; das himmlische Leben beginnt, die Nonnen umringen sie, in ihrer Mitte wird sie vom weltlichen Staat entkleidet. Ordenskleid, Mantel und Schleier werden ihr angelegt, worauf sie in die hände des Bischofs die Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut ablegt. Ach, wie war ich beklommen, da der Bischof ihr das Kruzifix reichte, um es als ihren Bräutigam zu küssen. Ich wich nicht von ihrer Seite; am Abend, da die Nonne allein in ihrer Zelle sass, kniete ich noch vor ihr, mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf; sie war eine Französin, eine Gräfin d'Antelot. "Mon enfant", fragte sie, "mon cher ange gardien, pourquoi as – tu pleuré ce matin lorsqu'on m'a coupé les cheveux?" Ich schwieg eine Weile still