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ins hohe Gras; ich dachte: "Dich wird auch keiner finden!" Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

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Nicht wahr, die Gärten waren schön! – Zauberisch! Da unten sammelte sich das wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden einschloss, und von da sich ins Tal ergoss, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe; da floss es in einem Bach weiter, ich weiss nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Sprudeln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit blossen Füssen in dem kühlen wasser. – Und dann lief's weiter verborgen, und wie es sich ausserhalb der Mauer hinabstürzte, das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich musste es halt dahinlaufen lassen. – Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strömte unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Täler, durch die Wüste! – Wo der Bach mich am ende hingeführt haben möchte!

Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strömen, ich sehe Dich kunstreich spielen, ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte, unbekümmert, dass es verwaist bleibe.

So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab ich's schon betrauert, dass die mir sich nicht verwandt fühlten. O komm nur, und spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, dass Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen lässt, solange ich nicht weiter gehe, als meine kindliche sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen musste, dass er sich losriss und sich energische Bahn brach in die Fremde. – In der Fremde, wo es gewiss war, dass mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

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Heute haben wir grünen Donnerstag, da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun; alle Blumen, die das frühe Jahr uns gönnt, werden abgemäht, Schneeglöckchen, Krokus, Masslieb und das ganze Feld voll Hyazinten schmücken den weissen Altar, und dann bring ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden, blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis nieder, und die alte Äbtissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Füsse zu waschen. Eine Nonne hält das silberne Becken und giesst das wasser ein, die andre reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen läutet es mit allen Glocken, die Orgel ertönt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Bass, zwei blasen die Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die Litanei an: "Sankt Petrus, wir grüssen dichdu bist der Fels, auf den die Kirche baut." Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle Apostel begrüsst, bis alle Füsse gewaschen sind. – Nun siehst Du, das ist ein Tag, auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze Kirche war voll Menschen, sie drängten sich um unsere Prozession und weinten Tränen der Rührung über die lachenden, unschuldigen Apostel.

Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter über unzugänglich war; jedes läuft an sein Blumengärtchen, da hat der Rosmarin gut überwintert, die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt, und so manches junge Keimchen meldet den vergessnen vorjährigen Blumenflor. Erdbeeren werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.

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O was erzähle ich dies alles dem Mann, der fern ab von solchen Kindereien seinen Geist zu andern Sphären trägt! Warum Dir, dem ich schmeicheln, den ich locken will; Du sollst mir freundlich sein, Du sollst, Dir unbewusst, mich allmählich lieben, während ich so mit Dir plaudere; könnte ich Dir nun nichts anders sagen, was Dir wichtiger wär, was Dich bewegte, dass Du mich "geliebtes Kind" nenntest, mich ans Herz drücktest in süsser Regung über das, was Du vernimmst?

Ach ich weiss nichts Besseres, ich weiss keine schönere Freuden als