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Beweis, dass der Geist eine höhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein Fassungsgabe, sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren, aus dem er seine Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die Seele der Spiegel wär, in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

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Der verschlossne Same und die Blüte, die aus ihm erwächst, sind einander nicht vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte, und so wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blüte und Frucht seinen ersten Instinkt bewährt, der, wenn er verloren gehen könnte, keine Blüte und Früchte tragen würde.

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Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, dass ich heute traurig bin, kann mich's trösten? Wie öde sind diese Zeilen! Ach sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War ich verstanden? – Ach warum will ich verstanden sein? – Alles ist Geheimnis, die ganze natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die Sonne scheint, treibt Blüte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit. – Sind denn die Bäume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? – Sehnen sich die Pflanzen? Ringen sie nach dem Blühen, wie mein Herz heute ringt, dass es lieben will, dass es empfunden sein will? – Du mich empfinden? – Wer bist Du, dass ich's von Dir verlangen muss? – Ach! – Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's öde! gäb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte! –

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Komm! Lass uns noch einmal die hängenden Gärten, in denen meine Kindheit einheimisch war, durchlaufen; lass Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte, um zu Tisch oder zum Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O damals schnitt mir das Abendrot ins Herz, und das schweifende Gold, in das sich die Wolken senkten; o ich weiss es noch wie heute, dass es mir weh tat, wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die er weiterführen wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann wieder andre Farben, bis die Schatten ihn übermannten. Da stand ich und sah die verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn doch einer in meine Hand flög, und ich fühlte sein klein Herzchen pochen, ich wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vögelchen nur, das mir zahm war, könne mich glücklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder hatte schon anders gewählt, und ich war nicht verstanden mit meiner sehnsucht. Ich glaubte doch damals, die ganze natur bestehe bloss aus dem Begriff aufgeregter Gefühle, davon komme das Blühen aller Blumen, und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer übers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den Wellen. Ich sah das Leben der natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die meine Brust erfüllte, entsprach, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen, seine Gedanken, die dies Tag- und Nachtwandeln der natur bilde; ja und ich junges Kind fühlte, dass ich einschmelzen müsse in diesen Geist, und dass es allein Seligkeit sei, in ihm aufzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei, dahin, aufgelöst zu sein; ich war unersättlich, die Nachtluft mit vollen Zügen einzuatmen, ich streckte die hände in die Luft, und das flatternde Gewand, die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; – ich liess mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann öffnete ich sie, und mein blick hielt es aus; ich dachte: lässt du dich küssen von ihr, und solltest nicht vertragen können, sie anzusehen?

Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das wasser schäumend hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmässigen Blumenstücken ein grosses Bassin umgab, in dem das wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren übersäet, deren jede ein kristallhelles Harztröpfchen ausschwitzte; ich weiss noch alles, und dies besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.

Das wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag, dass die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie blühten, oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste herüberstreckten. Oft lag ich unter den Bäumen in der heissen Mittagssonne, und in der lautlosen natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder