Brust ihr Saft mich netzte; dies schöne dunkle überreife Blut der Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuss verzehren. Und es gibt Küsse, von denen fühl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.
Sag, sind das Abenteuer? – und würdig, dass ich sie Dir erzähle?
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Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche natur zur Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh ich sie genoss, würden mich nicht nach verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die heimliche Lust. – Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen, die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süsse Kost der Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuss kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der leidenschaft, so ist er wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der er haftet.
Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äter, die Empfindung ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe atmen wir seine Verklärung. Die ganze natur ist aber ein Spiegel von dem, was im Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen; und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt: ich lag am Busen einer göttlichen natur, die meiner Inbrunst, meiner sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte. –
Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete, die Schalmei des Schäfers, der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes, das Kämpfen und Spielen der Nebel, – o sag, welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten? – Du? – Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten? Hat Deine stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf heimlicher Fährte, dem mein Herz entgegenschlägt? Und habe ich nach glücklichen Stunden wie jene schlaftrunkne natur mit dem Bewusstsein befriedigter sehnsucht, mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der natur hab ich's erfahren und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was können wir mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befähigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrüten das Herz durchströmte, sag, was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück; und welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen?
Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen höherer Seligkeit, wie sie mein Gedächtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf; Du! – Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum pflücken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.
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Eins bewahr im Herzen: dass Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und dass nichts dem Ursprünglichen in Deiner natur Eintrag tun könne, und dass meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist.
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Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist nicht umfasst, das macht ihn nicht glücklich, vergebens würden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen; er vermöchte nie sich da zu erhalten.
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Ahnungen sind Regungen, die Flügel des Geistes höher zu heben; sehnsucht ist ein