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In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch empor an plattem Gestein. Damals hab ich oft ihre kleine Samtrüssel betrachtet, mit denen sie sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche Anklammern in jede Fuge, und wenn der Frühling erschöpft war und die Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da fielen allmählich ihre zierlichen rotgefärbten Blätter zum Schmuck des Herbstes ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werde ich von Dir Abschied nehmen; und diese Blätter werden wie jenes rote Laub auf dem grünen Rasen spielen, der diese zeiten deckt.

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Ich bin nicht falsch gegen Dich; – Du sagst: "Wenn Du falsch bist, Du hättest keine Ehre davon, in bin leicht zu betrügen."

Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie Du bist, will ich Dir dienen.

Den Stern, der dem einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht verraten.

Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen könnte, alles, was ich an Dir verstehe, das beglückt mich; Du kannst weder Auge noch Geist beleidigen, und es hat mich weit über jede kleinliche Bedingung erhoben, dass ich Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.

Nicht wahr, Du glaubst nicht, dass ich falsch bin? –

Es gibt böse Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, dass wir schmerzlich krank waren; aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, könnte ich Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?

In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, dass Du an mir zweifeln kannst; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh ich Dich gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange kenne ich Dich schon, wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an die lang gehegte Erwartung anschloss.

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In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes, feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber unbändig in eigentümlichen Neigungen. Wer konnte mich vom glühenden Fels losreissen in der Mittagssonne? – Wer hätte mich gehemmt, die steilsten Höhen zu erklettern und die Gipfel der Bäume? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen gestört auf nebelerfülltem Pfad! – Sie liessen mich gewähren, die Parzen, Musen und Grazien, die da alle eingeklemmt waren im engen Tal, das vom Geklapper der Mühlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief, vom Goldsandfluss durchschnitten, dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte, die nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten, diesseits aber durch die Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel, die zu den Mühlen gehörten. Da waren die Sommernächte mit Gesang der einsamen Wächter und Nachtigallen durchtönt, und der Morgen mit Geschrei der Gänse und Esel begonnen; da machte die Nüchternheit des tages einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der Nacht.

Manche Nächte hab ich da im Freien zugebracht, ich kleines Ding von acht Jahren; meinst Du, das war nichts? – Mein Heldentum war's, denn ich war kühn und wusste nichts davon. Die ganze Gegend, soweit ich sie ermessen konnte, war mein Bett; ob ich am Ufersrand von Wellen umspült, oder auf steilem Fels vom fallenden Tau durchnässt schlief, das war mir einerlei. Aber Freund! Wenn die Dämmerung wich, der Morgen seinen Purpur über mir ausbreitete und mich, nachdem ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte, unter tausendfachem jubel aller befiederten Kehlen weckte, was meinst Du, wie ich mich fühlte? – Nichts geringer als göttlicher natur fühlt ich mich, und ich sah herab auf die ganze Menschheit. Solcher Nächte zwei erinnere ich mich, die schwül waren, wo ich aus den beklommenen Schlafsälen zwischen den Reihen von Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte, und mich die Gewitter überraschten, und die breite blühende Linde mich unter Dach nahm; die Blitze feuerten durch ihre tiefhängenden Zweige; dies urplötzliche Erleuchten des fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer, ich fürchtete mich und umklammerte den Baum, der kein Herz hatte, was dem meinen entgegenschlug.

O lieber Freund! – Hätte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefühlt unter dieses Baumes Rinde, dann hätte ich mich nicht gefürchtet; dies kleine Bewegen, dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden umwandeln; denn wahrlich! – fühlt ich Dein Herz an meinem schlagen und führtest Du mich in den Tod, ich eilte triumphierend mit Dir!

Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum, da fürchtete ich mich, mein Herz schlug heftig, das schöne Lied: "Wie ist natur so hold und gut, die mich am Busen hält", das konnte ich damals noch nicht singen, ich empfand mich allein mitten im Gebraus der Stürme, doch war mir so wohl, mein Herz ward