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ausspricht, ihr Füsschen findet keinen andern Platz, sie muss sich auf dem Deinen den höheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der Unterlage des Mantels weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar über dem Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich nicht missverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und immer so, dass es Deinem Verhältnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils damit ausdrücken wollen: "Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr erkennt, ist über das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden", ich habe noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht aussprechen lässt; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im mund, so süss finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. – Die kleinen Genien in den Nischen am rand des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel geraten sind, haben ein jeder ein Geschäft für Dich, sie keltern Dir den Wein, sie zünden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie giessen Öl auf die Lampe bei Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr für diese Welt, mit so tausend Tränen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue erregte Seele wehmütig beschwichtigend), dies erlaube, dass ich dieser meiner Liebe zur Apoteose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen trägt im Augenblick, wo sie sich überwerfen will, nicht gut geraten, ich hab sie noch einmal gezeichnet, wo sie auf dem Köpfchen steht, da ist sie gut gelungen. Konntest Du diesseits so fromm sein, so dürftest Du jenseits wohl so naiv sein, es gehört zusammen. – Unten am Sockel hab ich, ein Frankfurter Kind wie Du, meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem Lorbeergesträuch überwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrängt und den Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krönt; hinten können die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht erdacht habe, hat den Vorteil, dass es Dich darstellt und keinen andern, dass es in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, dass es die Liebe der Frankfurter Bürger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklärung, die Deine sinnliche, wie Deine geistige natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie könnte es auch anders, da ich Dir nochmals versichern kann, dass ich nie gezeichnet habe, um so überzeugter wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Künstler, der dies der Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn überlegt würde, wie bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge an diesem nachgebildeten Antlitz hängen wird, so würden die Künstler wohl den heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen Geist an, dass er Zeugnis gebe, dass er mir hier beigestanden, und dass er Dir eingebe, es mit vorurteilslosem blick, wo nicht von Güte gegen mich übervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Betmann geschickt, auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?

Am 11. Januar 1824

Bettine

Dritter teil

Tagebuch zu

Goetes Briefwechsel mit einem kind

Buch der Liebe

In dieses Buch möchte ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der Mittagssonne.

Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des Geliebten, von dem ich wähnen könnte, er sei fern.

Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, dass ich liebe.

Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der Gelände, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles sehe ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so saugt mein blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle.

So dachte ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der natur mich drängte, fort, dem stillen einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine stimme, der Geliebte ist da; – und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb, diese