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in der Musik allemal als ein Holzbock gegenüber (Zelter muss vermeiden, dem Beetoven gegenüberzustehen), das Bekannte verträgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den täglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eigenes Leben führt, da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf. Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht, was da kommen soll, er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben, vom Gesetz. Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den Himmel zu führen; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschämt, was freier Wille, freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhören, glauben und hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die dem Philister verschüttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. – Da stehen wir an den unübersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen.

Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn. R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr geblendet, als dass ich mir das rechte Mass hätte denken können, die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als dass ich ihm eine hätte schicken mögen, aber lauter und lauter Vergissmeinnicht in der Weste! – Er mag nicht wenig stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies schön zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, dass ihn alle Menschen darum beneiden werden; noch muss ich erinnern, dass sie als Unterweste getragen wird. Nun, er wird mir gewiss schreiben und wird sich bedanken. – Und Du? – hm. Du Einziger, der mir den Tod bitter macht! –

Bettine

Grüss doch die Frau recht herzlich von mir, – es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich.

Adieu Magnetberg. – Wollt ich auch daund dortin die Fahrt lenken, an Dir würden alle Schiffe scheitern.

Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.

Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.

An Bettine

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltätiger Genius, bald persönlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet, wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird. – – – – – – – – – – – – – – –

Dass Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es könnte mir viel Freude machen. Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn, und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem Köpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehören, deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will; im Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wünsch ich Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet. In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhängen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, dass Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so manches, was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir wäre sehr zu wünschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern, dass nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten müsse ans Licht. Ich muss Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen Rat so viel wie möglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, dass hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde, so wären doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.

Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches einstudieret und wird oft wiederholt. Überhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.

Von mir kann ich Dir wenig sagen, als dass ich mich wohl befinde, welches denn auch sehr gut ist. Für lauter Äusserlichkeiten hat sich von ihnen nichts entwickeln können. Ich denke, das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun. Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis, wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der Geist eingibt.

Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste. Meine Frau grüsst und dankt zum schönsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben. Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.

Den 11. Januar 1811

G.

An Goete

Also ist mein lieber Freund allein! – Das freut mich, dass Du allein bist, Denke meiner! – Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, dass ich auch allein bin. In beiliegenden Blättern der Beweis, dass meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist, ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in Deine Gegenwart denke.

Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil