, der Vater war nicht zu trösten, dass seine kaum eingerichtete wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blätter mit Notizen schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber können sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen, die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt, und Gott weiss, ich hab mich auch gescheut, danach zu fragen.
Bettine
An Goete
Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn, schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstände zusammen. Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen – – – – – – – – – – was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur möglich. denke an mich.
Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem "Faust" gehört, das Lied vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle löbliche Eigenschaften besitzend, dass es gewiss nimmermehr so trefflich kann komponiert werden. Das Chor: "Drinnen sitzt einer gefangen", es geht einem durch Mark und Bein. – Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hört den Polen durch, ein Deutscher hätt es nicht so angefangen, um so reizender. Es muss so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.
Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist. Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben behauptet er auch, er möchte der Welt dienen und führt Klage, dass sie sich's nicht will gefallen lassen, und dass er alle Weisheit für sich behalten muss. Einen Standpunkt hat er sich erwählt, von dem aus er sie von oben herab beschaut. Und der Welt ist's einerlei, dass er mit den Krähen auf der Zinne sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er Cäsar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dünn; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine Leibgarde, der Bass, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf Reisen, da ist er Goete, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender Güte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen, hält die hände auf den rücken, das macht sich alles; nur zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze Illusion zum Teufel.
Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlasst, ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen; Zelter zum Beispiel lässt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen, wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern: dass die nicht begreifen, dass sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen, wenn sie es nur mit dem ausfüllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen, und dass sie höhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung. Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rückwärts aus, und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, nasskalt, langwierig, beschwerlich und freilich unverständlich im Weg.
Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr, sie lässt sich nicht definieren, sie kann dem Gemüt wohl ihre wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plötzliche reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war, nun in sich selbst erhöht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekümmert, ob die Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beetoven). So steht's mit der Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts anerkennen, als was sie verstehen. – Wenn ich mir da meinen Beetoven denke, der, den eignen Geist fühlend, freudig ausruft: "Ich bin elektrischer natur, und darum mache ich so herrliche Musik!"
Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.
Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; – nimmermehr in der Musik, was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik kann nur ewig neu erstehen.
Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher immer die Wut gegen das, was noch nicht gehört war, daher der Ausdruck: "Unerhört." Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte