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darauf ansah während den vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde, ach, was hab ich da für schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu läuten mit der grossen Glocke, es kamen erst so einzelne mächtige Schläge, als wanke er trostlos hin und her, nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit, es war, als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten; und die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hörte es wieder auf zu läuten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles."

Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmässigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür, sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich dachte gleich, dass Dich dies gewiss einmal interessieren müsse, nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, dass sie kein edles männliches Herz, viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt. – Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei nicht wohl, ich beeilte meine Rückkehr, mein erster gang war zu ihr, der Arzt war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte: "Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben, ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Öl und Lorbeerblättern, um mein Knie zu stärken, das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich wasser unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Öl, womit die Kaiser bei der Krönung gesalbt werden. Ich sehe das schon kommen, dass das wasser sich nach dem Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein"; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf liess sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: "Heute lieg ich wieder zu Bett wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde"; ich lachte mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rührte und erfreute; da sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drückte mir die Hand und sagte: "Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten, denn ich weiss wohl, dass es mit mir zu Ende geht." Sie sprach noch ein paar Worte von Dir, dass ich nicht aufhören sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden, zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde, sagte sie: "Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel empfangen wird", sie liess sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle sie mir nach ihrem tod geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nächtlich hinübergeschlummert.

Das ist die geschichte, die ich Dir schon in München versprochen hatte, jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiss ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst, mir war sie immer als etwas ganz Ausserordentliches vorgekommen, und ich habe bei ihr so manche Gelübde getan.

Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes, er selbst war ein schöner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wusste ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte, doch muss er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein, da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte, von einem grossen Hausbau, den Dein Vater unternahm, erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit grossen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen. Als der Bau beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schöne anmutige wohnung umschuf, in der wertvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit grosser Umständlichkeit eine Bibliotek ein, bei der Du beschäftigt wurdest. Über Deines Vaters leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel.

Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von grossen Städten behängt, und während Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert