1835_Arnim_002_143.txt

Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Strassen, und wie ich die in der stube von dem Kaiser sprechen hörte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in meiner kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein grosses Tor in meiner Brust geöffnet wär; meine Schwester, die ihn entusiastisch pries, suchte jede gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne dass einer ahnte, wie tief es mir zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorüberfuhr, sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, dass der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich überzeugt, dass der Gruss mir gegolten habe, denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir; ja beinah jeden Tag, wo ich gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas, was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und dann überlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmöglich war zu glauben, dass er nichts davon ahne, ich glaubte gewiss, er habe meine wohnung erforscht, da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüsste. O, wie war ich den vollen Tag so selig, wo er mir am Morgen einen Gruss gespendet hatte; da kann ich wohl sagen, dass ich weinte vor Lust. – Wie er einmal offne Tafel hielt, drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die Trompeten gestossen, bei dem dritten Stoss erschien er in einem roten Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, dass ich auf dem unrechten Platz wäre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden grossen Herren getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja, da kam mir's vor, als hätte er den Becher mir bringen wollen, und ich muss noch heute daran glauben, es würde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem ich so viel Glückstränen geweint habe, aufgeben müsste, warum sollte er auch nicht, er musste ja wohl die grosse Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den Fürsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betäubt, so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mühe, mich hinauszubringen an die frische Luft, sie schmälte mit mir, dass sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch, nachdem ich am Röhrbrunnen wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen, aber eine geheime stimme sagte mir, dass ich an dem, was mir heute beschert geworden, mir solle genügen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süsse Tränen der heissesten Liebe, am andern Tag reiste er ab, ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu grauen, es war am 17. April, da hörte ich fünf Postörner blasen, das war er, ich sprang aus dem Bett, vor übergrosser Eile fiel ich in die Mitte der stube und tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen hatte, er warf mir Kusshände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Postorn blasen hören, ohne dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin, zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne dass ich Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man erleben muss, dass eine leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimäre war, alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor übergrosser Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem grossen Brettnagel, der etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmässigen Stern, den ich oft