sie sagte: "Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten", das Herz werde durch dergleichen tief gerührt. Das ganze Schicksal entwickle sich oft an begebenheiten, die so unbedeutend erscheinen, dass man ihrer gar nicht erwähne, und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten, dass man es kaum empfinde; "noch täglich", sagte sie, "erleb ich begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten würde, aber sie sind meine Welt, mein Genuss und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist, und die sich über alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denke ich in meiner Seele: ja, meint nur, ihr hättet die Welt gefressen, wüsstet ihr, was die Frau Rat heute alles erlebt hat!" Sie sagte mir, dass sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können, dass ihr starker Geist auch wichtige und tüchtige begebenheiten habe verdauen wollen, und dass ihr dies auch in vollem Masse begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte, Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem blick und Ton, dass in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: "O lass mich scheinen, bis ich werde" legte sie herrlich aus, sie sagte, dass dies allein schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner sehnsucht zu ihrem Erzeuger; und dass die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und dass alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade, der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer, in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber im Menschen, der nicht wolle, dass er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören, und seine Albernheit würde da keinen grossen Respekt einflössen, da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der natur angetan, und nannte es ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Masse aus ihrer stimme hervorklang. Nur wer die sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katarinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am ende immer schmerzlich-ernst schloss, während ihr blick in die Ferne verloren glühte, es war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten: "Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn." – Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig, es war sehr herrlich; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen, und hier will ich Dir die geschichte, die ich Dir schon in München mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem tod zusammenhing, als Beispiel ihres grossen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat. Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem sich ein Postorn auf der Strasse hören liess, dass ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit dem Zunamen der Unglückliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung über seine grosse Schönheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuss mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen. "Himmel, was hatte der Mann für Augen; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor! – Ich verliess ihn nicht, folgte ihm in alle Kirchen, überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die hände, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach haus kam, fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und