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für sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgeführt wird.

Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, möchte ich ein Lebewohl zurufen; – die Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot, lächelst Du? – Du wirst doch alles überflüssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr achten, der ausser meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. – Der Schütze wird nicht müde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt. Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans auge heran, blickt scharf und zielt scharf; und Du! Sieh diese verschossnen Pfeile, die zu Deinen Füssen hinsinken, gnädig an und denke, dass ich mich nicht zurückhalten kann, – Dir ewig dasselbe zu sagen. – Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines wenig? –

Dein Grossvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar, einmal sagte er einen grossen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe geträumt, dass einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe, nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Grossvater zuteil. Als der Schulteiss gestorben war, wurde noch in später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine ausserordentliche Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief der Grossvater aus seinem Bette: "Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja doch die Mühe bloss für mich." Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst äusserte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine älteste Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran, wie nun der Vater ins Rataus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzess (so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt) sei närrisch, sie aber versicherte ihnen, sie würden bald hinter die Bettvorhänge kriechen, wenn die Ratsherren kommen würden, ihnen wegen dem Vater, der heute zum Syndikus erwählt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; "versteckt euch", rief sie, "dort kommt er und alle Ratsherren mit", keine wollt es glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und liessen die Prinzess allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Grossvaters Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, träumte ihr, es sei zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes Schloss verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern, sorglosen Stimmung und ihrer grossen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, dass sie in dieser Beziehung sich nie getäuscht habe.

Deine Grossmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzählte sie, dass etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstossenden Studierzimmer umher, sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder im Bett lag, rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht, dass es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen; kurz hiernach liess sich ein Fremder melden, da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespürt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine letzte Bitte gewesen, Dein edler Grossvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes, die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte, an, ward ihr Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an, die Deine Grossmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.

Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ähnliches,