, brachte alles wieder ins Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge, fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht, darüber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die Steine hätten mir ja ein auge aus dem Kopf schlagen können; – "nun es hat Ihr ja kein auge ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich muss sie wiederhaben, helf Sie mir sie wieder suchen", sagte er; nun muss er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben, denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinäre Kieselsteinchen und Sand, dass er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm ärgerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfältig in ein Papier und trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus zur Rose, die Tochter hiess das schöne Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war die erste, von der ich weiss, dass er sie lieb hatte.
Bist Du böse, dass die Mutter mir dies alles erzählt hat? Diese geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzählt, manchmal setzte sie hinzu, dass die Sonne ins Fenster geschienen habe, dass Du rot geworden seist, dass Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben, dass sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat, denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung über Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen usw. – Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit. – Diese und die folgende geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich sehe Dich in beiden vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine Mutter Gäste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main zu fahren. "Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen, und das Wetter ist heute so schön" usw. – Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an, der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, – "nun, was willst du?" sag ich. "Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb Sie mir Ihren Sammetrock", – "du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen", – "freilich will ich ihn anziehen." – Ich zieh halt meinen prächtig warmen Rock aus, er zieht ihn an, schlägt die Schleppe über den Arm, und da fährt er hin, wie ein Göttersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen hättest!! – So was Schönes gibt's nicht mehr, ich klatschte in die hände vor Lust! Mein Lebtag sehe ich noch, wie er den einen Brückenbogen hinaus und den andern wieder herein lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.
Nun, bei dieser geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Töplitz sagte: dass es mich immer durchglüht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es durchglüht mich auch, und ich hab einen ewigen Genuss daran. – Wie freut es einem, den Baum vor der Haustür, den man seit der Kindheit kennt, im Frühjahr wieder grünen und Blüten gewinnen zu sehen; – wie freut es mich, da Du mir ewig blühst, wenn zuzeiten Deine Blüten eine innigere höhere Farbe ausstrahlen und ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz einatme. –
Am 28. November
Bettine
An Goete
Ich weiss, dass Du alles, was ich Dir von Dir erzähle, nicht wirst brauchen können, ich hab in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer sehe ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmöglich, es Dir darstellend zu beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's gönnen, dass Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die durch Zufall oder vielmehr durch bewusstlosen Trieb zu Deinen Füssen sich einfand. – Es kostet mir Mühe, und ich kann nur ungenügend darlegen, was so eng mit meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablöst. – Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, dass ich diese Kleinodien rauh und ungeglättet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken geründet hat, in meinen blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen, hierdurch eingeprägt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der Musik entschwebt und