Anrede an den Sessel, als den Sitz der schönen Märchen, es war eine grosse Freude, den schönen bekränzten Knaben unter den blühenden Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit grosser Zuversicht hielt, aufbrauste. Der zweite teil dieses schönen Festes bestand in Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Märchenstuhl umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank, schrie alles: "Ein Märchen! ein Märchen!" Wenn die Blase, von der krausen Wolle des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: "Das Märchen platzt." Die Nachbarsleute in den angrenzenden Gärten guckten über Mauer und Verzäunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem grossen jubel, so dass dies kleine fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich später oft als eine Weissagung Deiner Zukunft ausgelegt.
Nun, lieber Goete, muss ich Dir bekennen, dass es mir das Herz zusammenschnürt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe, die mit tausend Gedanken zusammenhängen, welche ich Dir weder erzählen noch sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir muss dies wohl unbedeutend erscheinen, während ich keinen Atemzug von Dir verlieren möchte. – Dass vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, dass es immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber dass die Ufer ewig unerreichbar bleiben, das schärft den Schmerz. – Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter durchklingt und ich überdenke das Ganze, dies Zurückhalten, dies Verbrausen der Jugend auf tausend Wegen, – es muss sich ja doch einmal lösen. – Mein Leben: was war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen ans Licht, und so werde ich Dir nachziehen ins Dunkel. – Mein lieber Freund, der mich nimmermehr verkennt! – Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne Weise; aber, "frag nicht, was es ist, und lass das Herz gewähren", sag ich mir hundertmal.
Ich sehe um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und Duft, ich mag keine berühren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich weiss, dass ich Dich einst noch festalten werde und mit Dir sein und in Dir sein, das ist das Ziel meiner Wünsche, das ist mein Glaube.
lebe wohl, sei gesund und lass Dir ein einheimischer Gedanke sein, dass Du mich wiedersehen wollest, vieles möchte ich vor Dir aussprechen.
24. November
An Goete
Schön wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Strasse herkamst mit mehreren andern Knaben, sie bemerkten, dass Du sehr gravitätisch einherschrittst, und hielten Dir vor, dass Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. – "Mit diesem mache ich den Anfang", sagtest Du, "später werde ich mich noch mit allerlei auszeichnen"; "und das ist auch wahr geworden", sagte die Mutter.
Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald auseinander, bald wieder eng zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen, wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch grosse Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie, die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum. Was war's? – Goete, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draussen herumtanzte.
Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches dazu erzählen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach haus kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. – Deiner Mutter war gut zuhören! –
In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich musste ihm täglich drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im haus an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala; kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen gegen Osten und Westen, ein Stück lag da, das andre dort; da schüttelte ich den Staub aus den Kleidern, legte frische Wäsche hin