Luft, Feuer, wasser und Erde stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester glaubte als meine Zuhörer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Strassen dachten, und dass wir einst Sterne bewohnen würden, und welchen grossen Geistern wir da oben begegnen würden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des Erzählens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im höchsten Grad begierig, unsere kleinen eingebildeten Erzählungen weiterzuführen, und eine Einladung, die mich um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdriesslich. Da sass ich, und da verschlang er mich bald mit seinen grossen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tränen verbiss. Manchmal griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: "Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlägt"; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, dass er bis dahin alles zurechtgerückt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht mehr zureichte, häufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nächsten Abend die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: "Du hast's geraten, so ist's gekommen", da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Grossmutter, die im Hinterhause wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erzählung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wünschen gemäss weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte ich die Satisfaktion, zum Genuss und Erstaunen der Zuhörenden, meine Märchen vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen Ereignisse zu bekennen, sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn angelegten Pläne entgegen und begrüsste das Ausmalen derselben mit entusiastischem Beifall." Diese schönen Abende, durch die sich der Ruhm meiner Erzählungskunst bald verbreitete, so dass endlich alt und jung daran teilnahm, sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Weltteater war nicht so reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte überstieg, für's erste der Märchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren davon erfüllt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz, es war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen erschütterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern königlichen Palast zu verschlingen, die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleinern Häuser begraben wurden, die Flammen, die überall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen und ein grosses Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben, die von vielen tausend zugrunde Gegangnen noch übrig waren, machten ihm einen ungeheuren Eindruck. Jeden Abend entielt die Zeitung neue Mär, bestimmtere Erzählungen, in den Kirchen hielt man Busspredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus, in den katolischen Kirchen waren Requiem für die vom Erdbeben Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Gründe für und wider behauptet, dies alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte, und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit übertraf.
Nachdem er mit dem Grossvater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit des Schöpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: "Am Ende mag alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen, dass der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann." – Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, dass Deine revolutionären Aufregungen bei diesem Erdbeben später beim Prometeus wieder zum Vorschein gekommen seien.
Lass mich Dir noch erzählen, dass Dein Grossvater zum Gedächtnis Deiner Geburt einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt hat, der Baum ist sehr gross geworden, von seinen Früchten, die köstlich sind, hab ich gegessen und – Du würdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen wollte. Es war ein schöner Frühling, sonnig und warm, der junge hochstämmige Birnbaum war über und über bedeckt mit Blüten, nun war's, glaube ich, am Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grünen Sessel, auf dem sie abends, wenn sie erzählte, zu sitzen pflegte, und der darum der Märchensessel genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bändern und Blumen, und nachdem Gäste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der Wolfgang als Schäfer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grünen Kranz auf dem Kopf unter den Birnbaum und hielt eine