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Fall müsste ich das Notizbuch zurückerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaube aber gewiss, dass Du besser und mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen könnte. Verzeih alles Überflüssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehören.

An Goete

Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem blick mass, heben sich so unermesslich, die Ebenen, die noch eben mit dem glühenden Rand der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die Ewigkeit hinein. – Will denn sein Leben so viel Raum haben? –

Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt, wie Grossmutter und Grossvater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrien hat, so dass ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, dass er im Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge; einmal hatte der Vater ihn auf dem Arm und liess ihn in den Mond sehen, da fiel er plötzlich wie von etwas erschüttert, zurück und geriet so ausser sich, dass ihm der Vater Luft einblasen musste, damit er nicht ersticke. – "Diese kleinen Zufälle würde ich in einem Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben", sagte die Mutter, "wenn nicht sein fortwährendes Leben mir dies alles geheiligt hätte; denn soll ich die Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, dass ein Leben damals von einem Luftauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? – Und mir ist es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, dass Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, dass Gesellschaften mich nicht erfüllen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zähle und keiner vergeht, dass ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie Gold."

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mussten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie: "Das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden", er hörte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart, er konnte sich nicht trösten über des Kindes Hässlichkeit. Damals war er drei Jahr alt. – Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Füssen der Frau Rat sass, machte ihre eignen Glossen darüber und drückte der Mutter Knie ans Herz.

Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein nähren und pflegen und war eifersüchtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bändigen, er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen.

Die Küche im Haus ging auf die Strasse, an einem Sonntag morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn, die es ergötzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war sehr erstaunt, die Schüsseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Strasse, und die Mutter lachte mit.

Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, dass sie bei seiner Geburt eingestanden haben, hier musste die Einbildungskraft der Mutter oft das Unmögliche tun, um seinen Forschungen Genüge zu leisten, und so hatte er bald heraus, dass Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein würden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dadurch dem Einfluss seiner günstigen Sterne näher gerückt; er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll: "Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben?" – Da sagte die Mutter: "Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne sie fertig werden müssen", da sagte er ganz stolz: "Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden"; damals war er sieben Jahr alt.

sonderbar fiel es der Mutter auf, dass er bei dem Tod seines jüngern Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoss, er schien vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, dass er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.

Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe zuschreiben zu dürfen, "denn einmal", sagte sie, "konnte ich nicht ermüden zu erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören;