hohen Stamm an die Erde niederrollen möchte. Nun höre! – Da lernte ich in München einen jungen Arzt kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit allen, grosse ausgebreitete natur, aber grade darum in sich fertig und geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen, aber wohl als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüssen (natürlich an den Hörnern lässt sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer himmels-, aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine kammer, wo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte, seine junge, entusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; – er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag löste ihm die Zunge, mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafür, dass er des Generals wildes Pferd zähmte, gab ihn dieser frei, dadurch, dass er einen Wahnwitzigen kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München, in dieser Lage lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist, reich an Edelmut, der ausserdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher leidenschaft lief er oft noch abends spät meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schnekkenturm, wo man die fernen Alpen sehen kann, da haben wir überlegt, wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am Himmel bemerkten, ob's Feuer sein könnte, da hab ich ihm auch oft meine Pläne mitgeteilt, dass ich hinüber möchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, dass er nur meiner Befehle harre.
So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn überlegt und all des Guten gedacht, was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte, und da wurde überdacht, dass meine Worte über Dich, mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle, in der äussern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein, und so kam's, dass meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfüllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune und Verdruss verscheuchten. – Der Zufall, uns der geheiligte, trägt auf seinen tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so, dass, wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das misshandelte Fruchtland empordrängen, auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl.
Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu Dir darüber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eigenes Wohl und Weh eingedrungen. – Verstehst Du mich? – Da Du mich liebst? – Willst Du so, dass ich Dir die ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner eignen Geistigkeit bemächtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? – Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mögliche Hinabstürzen so furchtbar? – Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berührt, tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet, tausendfach bereichert.
Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, dass das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie, Du würdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz würde nie veralten, da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Grossmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: "Rätin, er lebt!" "Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde!" sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre. Dein Grossvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, dass man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte. "Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat", sagte die Mutter, sie legte Dich an ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich nun fand, sagte sie, dass ich keine Milch hatte