bewegt er, und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige natur lässt keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt, das ist hereingebannt. O Goete, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in keinem Hauch Deiner Gedichte lässt sie Dich los. – Und wieder muss ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muss Dich lieben und begehren wie alle natur. –
Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben. – Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde. Dass die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber dass die Wahrheit sich an ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben! – Oft denke ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann ich's? – Dann muss ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? – Solche Liebe ist nicht unfruchtbar. – Und doch darf ich nicht nachdenken, ich könnte mir den Tod daran holen, ist was daran gelegen? – Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein Kopfkissen möchte ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, dass ich so bei Dir liegen möchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege und Durchgänge in der Welt, einsame Wälder und Höhlen, die kein Ende haben, aber keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoss Gottes; ich denke mir's da breit und behaglich, und dass einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe, und dass ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr wünsche zu fühlen, Deinen Atem.
Bettine
An Bettine
Lücke in der Korrespondenz
Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders für Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, dass ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine geschichte werden, das lässt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervorrufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn. Weimar, am 25. Oktober 1810
G.
Am 4. November
Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten, noch in Betracht gezogen als nur das Ende: "Liebe mich bis zum Wiedersehn." Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hätt ich vielleicht noch Rücksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich überschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend süssen Gedanken von gestern abend an bis wieder heute abend. Aus dem allen kannst Du schliessen, dass mir Dein Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat. Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du verlangst, hat für mich immer den Wert, dass ich es der Gabe würdig achte; ich gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, wundern, dass ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man in der Frühlingszeit Blüten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die Blüte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt? – Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besäte das junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blüten; und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist, und – darf ich's sagen? – meine Treue die gewaltigste. – Ich trug nun schon früher sorge darum, dass, was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei mir Blüten trieb, endlich auch in süsser Frucht vom