denn die höchste Würde als nur im Dienst der Menschheit, welche herrliche Aufgabe für den Landesherrn, dass alle Kinder kommen und flehen: "Gib uns unser täglich Brot!" – Und dass er sagen kann: "Da habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, dass ihr versorgt seid", ja wahrlich! Was kann einer für sich haben wollen als alles nur für andre zu haben, das wäre der beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab ich Dir nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach wenn es doch käme, dass ich Dir bald begegnete, was gewiss werden wird, ja, es muss wahr werden. Dann wollen wir alle Weltändel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft verwenden9.
Bettine
An Bettine
Töplitz
Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, dass man jederzeit glaubt, der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blättern, die Du mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleissig las und wieder las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern übertrifft10. Kannst Du so fortfahren, Dich selbst zu überbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir genommen, dass es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's wohl!
Goete
Deinen nächsten Brief muss ich mir unter gegenüberstehender Adresse erbitten, wie ominös! O weh! Was wird er entalten? Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.
An Goete
Berlin, am 17. Oktober
Beschuldige mich nicht, dass ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn wahrlich, ich fühle mich so verarmt, dass ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt, allein zu sein. Dieser Ort gefällt mir nicht, hier sind keine Höhen, von denen man in die Ferne schauen könnte.
Am 18.
Ich stieg einmal auf einen Berg. – Ach! – was mein Herz beschwert? – sind Kleinigkeiten, sagen die Menschen. – Zusammenhängend schreiben? Ich könnte meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Töplitz zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit sich bringt, das Leben ist nur schön, wenn ich mit Dir bin. – Nein, ich kann Dir nichts Zusammenhängendes erzählen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein Geschwätz. schreibe ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt habe? – Die da von Dresden kamen, erzählten mir viel von Deinen Wegen und Stegen, grad als wollten sie sagen: "Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen." Z... hat Dein Bild überkommen und hat es wider sein graubraunes Konterfei gestützt; ich sehe in die Welt, und in diesem tausendfältigen Narrenspiegel sehe ich häufig Dein Bild, das von Narren geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, dass dies mir nicht erfreulich ist. Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich; aber Goete, diese nachkömmlichen Bündnisse, die gemahnen mich grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. – Wenn ich mich bereite, Dir zu schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines
Lebens ein, die so ruhig, so auffasslich in mich hereingeklungen haben, wie allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der natur wieder erscheinen, wenn er mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heissen monat August, wie Du am Fenster sassest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede wechselten, ich hatte meinen blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt, und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger. Ach Goete, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich kalter Schauer, und Du, der meinen blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft ich noch hinaufblicken werde, so schreibe es denn auch täglich neu in die Sterne, dass Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muss, sondern dass mir Trost von den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender Abendröte ging ich und übersah alle land, ich war frei im Herzen; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei. – So was beengt mich zuweilen, wie damals die erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah gescheut machte, dass ich nicht immer geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der natur spreche. Ein Sturmwind nimmt in grösster Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles