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Welt träumerischer Geschöpfe aufgestört bei dieser nächtlichen Ernte, sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzählige, die das Licht umschwärmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht mit zugebracht, es hat mich keine Mühe verdrossen. Goete, habe doch auch Geduld mit mir, wenn ich Dich umschwärme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht trennen will, da möchtest Du mir wohl auch gern nach haus leuchten.

Bettine

Dienstag

Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumläuft und krank war, er versuchte ihr einen Tropfen Opium einzuflössen, unversehens trat er auf sie, dass sie ganz platt und tot dalag. Er fasste sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt hätte, und die Krankheit ist auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frisst, sie säuft, badet sich

Mittwoch

Heute gingen wir aufs Feld, um die wirkung einer Maschine zu sehen, mit der Christian bei grosser Dürre die Saaten wässern will; ein sich weit verbreitender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen. Mit diesem Bruder geh ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet überall was Merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen, und wie sie sich nähren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und simuliert, wer weiss, was er da alles denkt, in keiner Stadt gäb's so viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschäfte für ihn, bei dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtmass. Mit der Nähnadel und Schere muss ich auch eingreifen; eine Reisemütze hat er erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lämmerfell ausgeschlagen, der von selbst fährt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum lachen für Mund und Herz; auf der Flöte bläst er in die tiefe Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er lässt mich ohne Sattel reiten und wundert sich, dass ich sitzen bleib im Galopp. Der Gaul will mich nicht fallen lassen, er kneipt mich in den Fuss zum Scherz und dass ich Mut haben soll, er ist vielleicht ein verwünschter Prinz, dem ich gefall. Fechten lehrt mich der Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel schiessen nach einer grossen Sonnenblume, das lern ich alles mit Eifer, damit mein Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab ich getroffen auf einen Schuss.

So geht der Tag rasch vorüber, erst fürchtete ich vor Zeitüberfluss allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken über Gott und Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und in Luters Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen können. Deine Lieder singe ich im Gehen in der freien natur, da finden sich die Melodien von selbst, die meiner Erfindung den rechten Rhytmus geben; in der Wildnis mach ich bedeutende Fortschritte, das heisst, kühne Sätze von einer Klippe zur andern. Da hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhörnchen entdeckt, unter einem Baum lagen eine grosse Menge dreieckiger Nüsse, auf dem Baum sassen zum wenigsten ein Dutzend Eichhörnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprüngen und mimischen Tanz zu, was man mit so grossem Genuss verzehren sieht, das macht einem auch unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nüsse, die man Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die Eichhörnchen; wie schön speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, dass sie gerne säuerliche Kräuter frisst, denn sie schmatzt. Die Menschen sehe ich nicht gerne essen, da fühl ich mich beschämt. Der Geruch aus der Küche, wo allerlei bereitet wird, kränkt mich, da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weisst vielleicht nicht, was das ist? – Das ist eine gewaltig grosse Nähnadel, in die wird Speck eingefädelt, und damit wird das Fleisch der Tiere benäht, da setzen sich die vornehmen, gebildeten Männer, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung für die Revolution ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel ausgemacht worden, mit trunknem Mut liess sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten.

Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch zum besten, das sieht man an ihren närrischen Gesichtern, auf denen der Teufel alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt