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; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens erkenne, so würdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du würdest mich bald ans Herz ziehen, und in stürmender Freude würde gleich Zimbeln und Pauken mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der süssen Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart beglückt. Wem entdeck ich's? – Die kleine Reise zu Dir? – Ach nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie selig es mich machen könnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrteit. – glaube nicht, dass ich sagen dürfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das findet man leicht toll, ich muss schweigen. Aber der herrlichen Göttin, die mit den Philistern ihr Spiel treibt, hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen gelegt. Hier male ich Dir den Grundriss: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer vier Wände, Türen klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tür hat; dieser Raum steht aber quer, also, dass die Ecken auf die vier Türen der äusseren Halle gerichtet sind; in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhöht liegt, nur eine Tür hat und wieder mit dem äussersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch grosse Öffnungen sich an denselben anschliessen, während die vierte Ecke den Eingang zur Tür bildet, stellen die Gärten der Hesperiden dar, in der Mitte auf weichgepolstertem Tron die Göttin; nachlässig hingelehnt, schiesst sie ohne Wahl nur spielend nach den goldnen Äpfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen müssen, wie die vom Pfeil zufällig durchschossnen Äpfel über die umwachte Grenze hinausfliegen. – O Goete! Wer nun von aussen die rechte Tür wählt und ohne langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt, den Apfel am fliegenden Pfeil kühn erhascht, wie glücklich ist der!

Die Mutter sagte: alle schönen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie auch auf Erden nicht auszuführen seien, so wären sie dem Himmel, wo alles ohne Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, es werde, und habe dadurch die ganze schöne Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst, und seine herrlichen Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue ich unserer Göttin den schönen Tempel, ich bekleide seine Wände mit lieblichen Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich schmücke ihn mit Blumen und erfülle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem glückbringenden Storch ein bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer Aufregung in die andere stürzt. – Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern der Vögel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz ich allein im Garten und möchte nur fühlennicht denkenwas Du mir bist; da kommt leise der Wind, als käm er von Dir; er legt sich so frisch ans Herzer spielt mit dem Staub zu meinen Füssen und jagt unter die tanzenden Mückchen, er streift mir die heissen Wangen, hält schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am unbeschnittnen Rebengeländer hebt er die Ranken und flüstert in den Blättern, dann streift er eilend über die Felder, über die neigenden Blumen. Brachte er Botschaft? Hab ich ihn recht verstanden? – Ist's gewiss? Er soll mich tausendmal grüssen vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal willkommen zu heissen? – Ach, könnt ich noch einmal ihn fragen! – Er ist fort; – lass ihn ziehen, zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch seiner Worte8.

Montag

Frag nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich muss Dir gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke für meine Liebe, dass ich mich um die Zeit bekümmere. Ach Goete! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe Schwert, das sie über ihm schwingt, sehe ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein, ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fühle, dass die Ewigkeit mir den Genuss nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch, wenn Du wissen willst, über's Jahr vielleicht, – oder in späterer Zeit, wann es doch war, dass mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht spürte vor tiefem Sinnen an Dich; so merk es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind, der spekulierende Geist des Bruders will sich in helfe keltern. Gestern abend im Mondlicht haben wir Traubenlese gehalten, da flogen unzählige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben eine ganze