Funken in das himmlische Reich überzuspringen. – Die Poesie sei dazu, um das Edle, Einfache, Grosse aus den Krallen des Philistertums zu retten, alles sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingeprägt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben, sie war so entschieden, dass die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluss auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefühl, sie sagte mir oft, ihre Vorliebe für mich sei bloss aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden, da habe sie gleich geahnet, dass sie mich besser verstehen werde. – Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedächtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig überrascht, wir fuhren ins Kirschenwäldchen; es war so schön Wetter, die Blüten wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzählte ihr von einem ähnlichen schönen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen, da hab ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Kätzchen auf meinen Schoss in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben, um sie nicht zu stören, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die Mutter lachte und sagte: "Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewusst, da hast du mit der Katze vorlieb genommen."
Ja, hätte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Grosses zu erleben, ein Sonnenstrahl, ein Schneegestöber, der Schall eines Postorns weckte Gefühle, Erinnerung und Gedanken. – Ich muss mich schämen vor Dir, dass ich so verzagt bin. Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? – Und kann einer Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? – Und ist das Gabe, die nicht ganz und immerdar sich gibt? – Geht auch ein Schritt vorwärts, der nicht in ein neues Leben geht? – Geht einer rückwärts, der nicht mit dem ewigen Leben verfallen wäre? – Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer kann dem Geist Grenzen setzen? – Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefängnis, der Schlüssel zur Freiheit ist Liebe, sie führt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. – Wer kann aus sich selbst erlöst werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum Äter; der Seufzer, der sich in der Gotteit auflöst, hat keine Grenze. Nur der Geist hat ewige wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es ist um die Geisterstunde.
Dein Kind, das sich an Dich drängt aus Furcht vor
seinen eignen Gedanken.
An Bettine
Da Du in der Fülle interessanter begebenheiten und Zerstreuungen der volkreichsten Stadt nicht versäumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden, so wäre es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinüber schickte. Wo steckst Du denn? – Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelblüten in Deinem Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, dass wir einander vielleicht näher sind, als wir ahnen konnten. Versäume ja nicht bei Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Göttin gelegenheit einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei, dass man sie ganz kühn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muss, um sich ihrer Gunst zu versichern. eigentlich hab ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit dem ich mich täglich beschäftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen Phantasie mächtig zu werden, doch möchte ich Dir auch mündlich sagen können, wie Du mir wert bist.
Deine Weissagungen über Menschen und Dinge, über Vergangenheit und Zukunft sind mir lieb und nützlich, und ich verdiene auch, dass Du mir
das Beste gönnst. – Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen bessern Einfluss auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschwörungen schöner Liebe zu danken haben.
Von der Mutter schreibe alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und Herz zur Tat wie zum Gefühl.
Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreibe mir alles, lasse Dich die Einsamkeit nicht böslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das
Beste abzugewinnen.
Schön wär's, wenn das liebe Böhmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse mich Deine lieben ausführlichen Briefe nicht missen.
Goete
An Goete
Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen, noch eh ich ihn gelesen hatte, hab ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte bin ich auch gewesen. – Wenn ich heute von hier abreiste, so läg ich morgen früh zu Deinen Füssen