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die Welt dem Licht erwachen; allein und einsam wie ich bin, kämpft's in meiner Seele, müsste ich länger hier bleiben, so schön es auch ist, ich könnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der grossen Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhören sollte, da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt, in schönen Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuss wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, über das alles hinaus ragte mir Beetoven, der grosse übergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einführte, und der Lebenskraft einen Schwung gab, dass man das eigne beschränkte Selbst zu einem Geisteruniversum erweitert fühlte. Schade, dass er nicht hier ist in dieser Einsamkeit, dass ich über seinem Gespräch das ewige Zirpen jener Grille vergessen möchte, die nicht aufhört mich zu mahnen, dass nichts ausser ihrem Ton die Einsamkeit unterbricht. – Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entblätterte, ich setzte mich ermüdet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach haus. Kannst Du glauben, dass es mich sehr traurig machte, so einsam nach haus zu gehen, und dass es mir war, als hänge ich mit nichts zusammen in der Welt, und dass ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen und Kräuter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die stube und setzte mich dicht an sie heran und legte den Kopf ermüdet auf ihren Schoss; sie sagte: "Hast du die Blumen so weit hergebracht, und jetzt wirfst du sie alle weg", da musste ihr die Lieschen ein Gefäss bringen, und sie ordnete den Strauss selbst, über jede einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohltätig war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, dass ich alles mitbrachte, Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden, schöngeformte Blätter, Käfer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es eine Musterkarte der natur und bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schön waren, sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte: "Man muss allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich lässt mir nun doch keine Ruh, bis er verzehrt ist." In allem, was sie tat, glaubt ich Dich zu erkennen, ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel, in denen ich Dich erriet.

Hätt ich die Mutter noch, so wüsst ich, wo ich zu haus wär, ich würde ihren Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln, manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Entusiasmus wie der Schmied, der das glühende Eisen auf dem Amboss hat, sie sagte: "Wer der stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem wächst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht, und der die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt, und Religion, die ihm nicht im Weg ist, sondern seiner natur angemessen, wer aber dieser stimme nicht horcht, der ist blind und taub und muss sich von andern hinführen lassen, wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei", sagte sie, "ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden, als dass ich mich von Philisterhand über einen gefährlichen Steig leiten liess, am ende ist auch gar nichts gefährlich als nur die Furcht selber, die bringt einem um alles." Grad im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: "Der Mensch muss sich den besten Platz erwählen, und den muss er behaupten sein Leben lang, und muss all seine Kräfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft gross. Ich meine nicht einen äussern, sondern einen inneren Ehrenplatz, auf den uns stets diese innere stimme hinweist, könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst, wie Napoleon das Regiment der Welt führt, da würde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fühlt's gleich, wenn man's auch zum erstenmal hört, dass die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist." – Ihre französische Einquartierung musste ihr viel von Napoleon erzählen, da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: "Der ist der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken, Höheres gibt es nichts, als dass sich der Mensch im Menschen fühlbar mache", und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um zuletzt als