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doch beinah jedes Jahr hinkomme und die beste Musse haben würde, von ihm zu hören und zu lernen; ihn belehren zu wollen, wäre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.

Sehr viel Freude würde es mir machen, wenn Beetoven mir die beiden komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hübsch deutlich geschrieben, ich bin sehr begierig sie zu hören, es gehört mit zu meinen erfreulichsten Genüssen, für die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht früherer Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beetoven ganz, richtig erwähnt) wieder aufs neue versinnlicht wird.

Schliesslich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank für Deine Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schön gelingt, da Dir alles zu belehrendem, freudigem Genuss wird, welche Wünsche könnten da noch hinzugefügt werden, als dass es ewig so fortwähren möge; ewig auch in Beziehung auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezählt zu werden. bleibe mir daher, was Du mit so grosser Treue warst, sooft Du auch den Platz wechseltest und sich die Gegenstände um Dich her veränderten und verschönerten. Auch der Herzog grüsst Dich und wünscht, nicht ganz von Dir vergessen zu sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufentalt bei den drei Mohren. Am 6. Juni 1810

G.

An Goete

Liebster Freund! Dem Beetoven hab ich Deinen schönen Brief mitgeteilt, soweit es ihm anging, er war voll Freude und rief: "Wenn ihm jemand Verstand über Musik beibringen kann, so bin ich's." Die idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: "Konnte ich das nicht schon früher getan haben? – Aber wahrhaftig, ich hab schon daran gedacht, ich hab's aus Timidität unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein rechter Mensch wär, aber vor dem Goete fürchte ich mich nun nicht mehr." – Rechne daher darauf, dass Du ihn im nächsten Jahr siehst.

Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines briefes, aus denen ich Honig sammle: Die Gegenstände um mich her verändern sich zwar, aber sie verschönern sich nicht, das Schönste ist ja doch, dass ich von Dir weiss, und mich würde nichts freuen, wenn Du nicht wärst, vor dem ich es aussprechen dürfte; und zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glücklicher, als mich alle gezählten und ungezählten Freunde je machen können. Mein Wolfgang, Du zählst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zählen.

Den Herzog grüsse, leg mich ihm zu Füssen, sag ihm, dass ich ihn nicht vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. – Dass er mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fuss ruhte, dass er sich seine Zigarre von mir anrauchen liess, dass er meine Haarflechte aus den Krallen des bösen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend beim Souper, wo er dem Ohrenschlüpfer den Pfirsich hinhielt, dass er sich darin verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf, um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: "So böse sind Sie nicht, das hätten Sie nicht getan!" – Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affäre und sagte: "Ohrenschlüpfer soll man bei einem Fürsten nicht leiden"; er fragte: "Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so muss ich mich vor Ihnen hüten"; auch die Promenade zu den jungen ausgebrüteten Enten, die ich mit ihm zählte, wo Du dazu kamst und über unsere Geduld Dich schon lange gewundert hattest, ehe wir fertig waren, und so könnte ich Dir Zug für Zug jeden Moment wieder herbeirufen, der mir in seiner Nähe gegönnt war. Wer ihm nah sein darf, dem muss wohl werden, weil er jeden gewähren lässt und doch mit dabei ist, und die schönste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die herrschaft des Geistes und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese grossartige Milde zu beherrschen. Das mag ins Grosse und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen erfahren habe. Er ist gross, der Herzog, und wächst dennoch, er bleibt sich selber gleich, gibt jeglichen Beweis, dass er sich überbieten kann. So ist der Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wächst so lange, bis er eins mit ihm wird.

Danke ihm in meinem Namen, dass er an mich denkt, beschreibe ihm meine zärtliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich von seiner Gnade den möglichsten Ertrag ziehen. Morgen packen wir auf und gehen hin, wo lauter böhmische Dörfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn ich ihr allerlei Projekte machte: "Das sind lauter böhmische Dörfer", nun bin ich begierig, ein böhmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beetoven sind hier beigelegt, die beiden andern sind