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auf das Kind, ich hätte es so gern geküsst und wollte ihm eine kleine goldene Kette schenken, die ich am Hals trage, weil es mir ein so gutes Zeichen gegeben hatte für Dich, denn ich dachte grade in dem Augenblick, wo es mir den Kranz abnahm, an Dich, aber das Kindchen kam nicht heraus, der Wagen stand vor der Tür, ich schwang mich auf meinen Kutschersitz, auf jeder Station hatte ich einen andern Kameraden, der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine Herzensangelegenheiten mitteilte, sie fingen immer so schüchtern davon an, dass mir bange ward, aber weit gefehlt, allemal war's eine andere, keinmal war ich's.

Unsre Reise ging durch einen Wald von Blüten, der Wind streute sie wie einen Regen nieder, die Bienen flogen nach den Blumen, die ich hinter's Ohr gesteckt hatte, gelt, das war angenehm! –

26. Mai

Von Salzburg muss ich Dir noch erzählen. Die letzte Station, vorher Laufen; diesmal sass Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz, er öffnete lächelnd seinen Mund, um die natur zu preisen, bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in einem Bergwerk, eine Schicht führt zur andern; es ging in einen fröhlichen Abend über, die Täler breiteten sich rechts und links, als wären sie das eigentliche Reich, das unendliche gelobte Land. Langsam wie Geister hob sich hie und da ein Berg und sank allmählich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter. Mit der Nacht waren wir in Salzburg, es war schauerlich, die glattgesprengten Felsen himmelhoch über den Häusern hervorragen zu sehen, die wie ein Erdhimmel über der Stadt schwebten im Sternenlicht, – und die Laternen, die da all mit den Leutlein durch die Strassen fackelten, und endlich die vier Hörner, die schmetternd vom Kirchturm den Abendsegen bliesen, da tönte alles Gestein und gab das Lied vielfältig zurück. – Die Nacht hatte in dieser wussten nicht, wie das war, dass alles sich beugte und wankte, das ganze Firmament schien zu atmen, ich war über alles glücklich, Du weisst ja, wie das ist, wenn man aus sich selber, wo man so lange gesonnen und gesponnen, heraustritt ganz ins Freie.

Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzählen, der sich am andern Tag vor uns ausbreitete? – Wo sich der Vorhang allmählich vor Gottes Herrlichkeit teilet und man sich nur verwundert, dass alles so einfach ist in seiner Grösse. Nicht einen, aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz frei, von keinem Gegenstand bedeckt, es jauchzt und triumphiert ewig da oben, die Gewitter schweben wie Raubvögel zwischen den Klüften, verdunkeln einen Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne, das geht so schnell und doch so ernst, es war auch alles begeistert. In den kühnsten Sprüngen, von den Bergen herab bis zu den Seen, liess sich der Übermut aus, tausend Gaukeleien wurden ins Steingerüst gerufen, so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot, Milch und Honig ein paar schöne Tage; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein Granatschmuck von mir auseinandergebrochen, jeder nahm sich einen Stein und den Namen eines berges, den man von hier aus sehen konnte, und nennen sich die Ritter vom Granatorden, gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg.

Von da ging die Reise nach Wien, es trennten sich die Gäste von uns, bei Sonnenaufgang fuhren wir über die Salza, hinter der brücke ist ein grosses Pulvermagazin, hinter dem standen sie alle, um Savigny ein letztes Vivat zu bringen, ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu. Freiberg, der uns bis zur nächsten Station begleitete, sagte: "Wenn sie nur alle so schrien, dass das Magazin in die Luft sprengte, denn uns ist doch das Herz gesprengt"; und nun erzählte er mir, welch neues Leben durch Savigny aufgeblüht war, wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder doch sehr gemildert habe, besonders aber sei sein Einfluss wohltätig für die Studenten gewesen, die weit mehr Freiheit und Selbstgefühl durch ihn erlangt haben. Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben, wie gross Savignys Talent ist, mit jungen Leuten umzugehen; zuvörderst fühlt er eine wahre Begeisterung für ihr Streben, ihren Fleiss; eine Aufgabe, die er ihnen macht: wenn sie gut behandelt wird, so macht es ihn ganz glücklich, er möchte gleich sein Innerstes mit jedem teilen, er berechnet ihre Zukunft, ihr Geschick, und ein leuchtender Eifer der Güte erhellt ihnen den Weg, man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht sagen, dass die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit ist, und das ist eigentlich sein Charakter, die Liebe zu denen, denen er mit den schönsten Kräften seines Geistes und seiner Seele dient; ja, das ist wahrhaft liebenswürdig, und muss Liebenswürdigkeit nicht allein Grösse bestätigen? – Diese naive Güte, mit der er sich allen gleichstellt bei seiner ästetischen Gelahrteit, macht ihn doppelt gross. Ach, liebes Landshut, mit deinen geweissten Giebeldächern und dem geplackten Kirchturm, mit deinem Springbrunnen, aus dessen verrosteten Röhren nur sparsam das wasser lief, um den die Studenten bei nächtlicher Weile Sprünge machten und sanft mit Flöte und Gitarre akkompagnierten, und dann aus fernen Strassen singend ihre "Gute Nacht" ertönen liessen; wie schön war's im Winter auf der leichten Schneedecke, wenn ich mit dem siebzigjährigen