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die rauschende Donau, die uns hinüberträgt auf ihrem rücken, da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten, heute morgen um sechs Uhr frühstückten wir im Prater, rund umher unter gewaltigen Eichen lagerten Türken und Griechen, wie herrlich nehmen sich auf grünem Teppich diese anmutigen buntfarbigen Gruppen schöner Männer aus! Welchen Einfluss mag auch die Kleidung auf die Seele haben, die mit leichter Energie die Eigentümlichkeit dieser fremden Nationen hier in der frischen Frühlingsnatur zum Allgemeingültigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung beschämt. Die Jugend, die Kindheit, beschauen sich immer noch in den reifen Gestalten und Bewegungen dieser Südländer; sie sind kühn und unternehmend, wie die Knaben rasch und listig, doch gutmütig. Indem wir an ihnen vorübergingen, konnte ich nicht umhin, einen Pantoffel, der einem hingestreckten Türken entfallen war, unter meinen Füssen eine Strekke mit fortzuschlurren, endlich schleifte ich ihn ins Gras und liess ihn da liegen; wir sassen und frühstückten, es währte nicht lange, so suchten die Türken den verlornen Pantoffel. Goete, was mir das für eine geheime Lust erregte! Wie vergnügt ich war, sie über dies Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen; auch unsre Gesellschaft nahm Anteil daran, wo der Pantoffel geblieben sein möchte; nun wurde mir zwar Angst, ich möchte geschmält werden, allein der Triumph, den Pantoffel herbeizuzaubern, war zu schön, ich erhob ihn plötzlich zur allgemeinen Ansicht auf einer kleinen Gerte, die ich vom Baum gerissen hatte, nun kamen die schönen Leute heran und lachten und jubelten, da konnte ich sie recht in der Nähe betrachten, mein Bruder Franz war einen Augenblick beschämt, aber er musste mitlachen, so ging alles noch gut.

17. Mai

Es sind nicht Lustpartien, die mich abhalten, Dir zu schreiben, sondern ein scharlachkrankes Kind meines Bruders, bei dem ich Tage und Nächte verbringe, und so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche; von Wien hab ich nicht viel gesehen und von der Gesellschaft noch weniger, weil einem eine solche KrankGraf Herberstein, der in meiner Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat, hat mich mehrmals besucht und ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege geführt, die er mit Sophie gewandert ist, da hat er mir sehr Schönes, Rührendes von ihr erzählt, es ist seine Freude, meiner Ähnlichkeit mit ihr nachzuspüren; er nannte mich gleich Du, weil er die Sophie auch so genannt hatte, manchmal, wenn ich lachte, wurde er blass, "weil die Ähnlichkeit mit Sophie ihn frappierte". Wie muss diese Schwester liebenswürdig gewesen sein, da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe Spuren der Wehmut liess. Bänder, Tassen, Locken, Blumen, Handschuhe, die zierlichsten Billete, Briefe, alle diese Andenken liegen in einem kleinen Kabinett umher zerstreut, er berührt sie gern und liest die Briefe oft, die freilich schöner sind als alles, was ich je in meinem Leben gelesen habe; ohne heftige leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit, nichts entgeht ihr, jeder Reiz der natur dient ihrem Geist. O! Was ist Geist für ein wunderbarer Künstler, wär ich doch imstande, Dir von dieser geliebten Schwester einen Begriff zu geben, ja wär ich selbst imstande, ihre Liebenswürdigkeit zu fassen, alle Menschen, die ich hier sehe, sprechen mir von ihr, als wenn man sie erst vor kurzer Zeit verloren hätte, und Herberstein meinte, sie sei seine letzte und erste einzig wahre Liebe, dies alles bewegt mich, gibt mir eine Stimmung fürs Vergangene und Zukünftige, dämpft mein Feuer der Erwartung. Da denke ich an den Rhein bei Bingen, wie da plötzlich seine lichte, majestätische Breite sich einengt zwischen düsteren Felsen, zischend und brausend sich durch Schluchten windet, und nie werden die Ufer wieder so ruhig, so kindlich schön, wie sie vor der Binger Untiefe waren; solche Untiefen stehen mir also bevor, wo sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muss. Mut! Die Welt ist rund, wir kehren zurück mit erhöhten Kräften und doppeltem Reiz, die sehnsucht streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr; so bin ich nie von Dir geschieden, ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken, die mich in Deinen Armen wieder empfangen werde, so mag wohl alle Trauer um die Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuss einer zukünftigen Wiedervereinigung sein, gewiss, sonst würden keine solchen Empfindungen der sehnsucht das Herz durchdringen.

20. Mai

Am Ende März war's wohl, wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb; ja, ich hab lange geschwiegen, beinah zwei Monate, heute erhielt ich durch Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom Herz drückst, nun fällt mir's erst ein, was ich alles nachzuholen habe, denn jeder Weg, jeder blick in die natur hängt am Ende mit Dir zusammen. Landshut war mir ein gedeihlicher Aufentalt, in jeder Hinsicht muss ich's preisen. Heimatlich die Stadt, freundlich die natur, zutunlich die Menschen und die Sitten harmlos und biegsam; – kurz nach Ostern reisten wir ab, die ganze Universität war in und vor dem haus versammelt, viele hatten sich zu Wagen und zu Pferde eingefunden, man wollte nicht so von dem herrlichen Freund und Lehrer scheiden, es ward Wein ausgeteilt, unter währendem Vivatrufen zog man zum Tor hinaus, die Reiter begleiteten das Fuhrwerk, auf einem Berg, wo der Frühling eben die Augen auftat, nahmen die Professoren und ernsten Personen einen