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Studenten packen eben Savignys Bibliotek ein, man klebt Nummern und Zettel an die Bücher, legt sie in Ordnung in Kisten, lässt sie an einem Flaschenzug durchs Fenster hinab, wo sie unten von den Studenten mit einem lauten Halt empfangen werden, alles ist Lust und Leben, obschon man sehr betrübt ist, den geliebten Lehrer zu verlieren; Savigny mag so gelehrt sein, wie er will, so übertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glänzendsten Eigenschaften, alle Studenten umschwärmen ihn, es ist keiner, der nicht die Überzeugung hätte, auch ausser dem grossen Lehrer noch seinen Wohltäter zu verlieren; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb, besonders die Teologen. Sailer, gewiss sein bester Freund. Man sieht sich hier täglich und zwar mehr wie einmal, abends begleitet der Wirt vom haus leichtlich seine Gäste mit angezündetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustür, gar oft hab ich die Runde mitgemacht; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg, auf dem die Trausnitz steht, ein Schloss alter Zeit: Traue nicht. Die Bäume schälen ihre Knospen! Frühling! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her, von Sailer hab ich Dir wenig erzählt, und doch war er mir der Liebste von allen. Im harten Winter gingen wir oft über die Schneedecke der Wiesen und Ackerfläche und stiegen miteinander über die Hecken von einem Zaun zum andern, und alles, was ich ihm mitteilte, daran nahm er gern teil, und manche Gedanken, die aus Gesprächen mit ihm hervorgingen, die hab ich aufgeschrieben, obschon sie in meinen Briefen nicht Platz finden, so sind sie doch für Dich, denn nie denke ich etwas Schönes, ohne dass ich mich darauf freue, es Dir zu sagen.

Zur Besinnung kann ich während dem Schreiben nicht kommen, der Studentenschwarm verlässt das Haus nicht mehr, seitdem Savignys Abreise in wenig Tagen bestimmt ist; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tür mit Wein und einem grossen Schinken, den sie beim Packen verzehren, ich schenkte ihnen meine kleine Bibliotek, die sie eben auch einpacken wollten, da haben sie mir ein Vivat gebracht. – Abends bringen sie oft ein Ständchen mit Gitarren und Flöten, und das dauert oft bis nach Mitternacht, dabei tanzen sie um einen grossen Springbrunnen, der vor unserm haus auf dem Markt steht; ja, die Jugend kann sich aus allem einen Genuss machen. Die allgemeine Konsternation über Savignys Abreise hat sich bald in ein Jubelfest verwandelt; denn man hat beschlossen, zu Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten, wer sich kein Pferd verschaffen kann, der geht zu Fuss voraus; nun freuen sich alle gar sehr auf den Genuss dieser letzten Tage, beim aufgehenden Frühling durch eine herrliche Gegend mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen; auch ich erwarte mir schöne glückliche Tage, – ach, ich glaube, ich bin nah an dem Ziel, wo mein Leben am schönsten und herrlichsten ist. Sorgenfrei, voll süssem Feuer der Frühlingslust, in Erwartung herrlicher Genüsse, so klingen Ahnungstöne in meiner Brust, wenn das wahr wird, so muss es gewiss wahr werden, dass ich Dich bald begegne; ja, nach so vielem, was ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe, wie kann es anders sein, da muss das Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen. Wenn alle freudigen Hoffnungen in die Wirklichkeiten ausbrechen, wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch ihr Licht verscheucht, ach und mit einem Wort: wenn Gefühl und blick Dich erfasst und hält, da weiss ich wohl, dass mein Glück zu ungemessnem Leben sich steigert. Ach, und es reisst mich mit Windesflügeln zu diesen höchsten Augenblicken, wenn auch bald die süssesten Genüsse scheidend fliehen, einmal muss doch wiederkehren zu festem Bund, was sich begehrt7.

Landshut, den 31. März 1810

Bettine

Wenn Du mir eine Zeile gönnen wolltest über Deinen Aufentalt dieses Sommers, so bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren, dieser bleibt mit Savigny in Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken.

An Bettine

Von Dir, liebe Bettine, habe ich sehr lange nichts gehört und kann meine Reise ins Karlsbad unmöglich antreten, ohne Dich nochmals zu begrüssen und Dich zu ersuchen, mir dortin ein Lebenszeichen zu geben; möge ein guter Genius Dir diese Bitte ans Herz legen, da ich nicht weiss, wo Du bist, so muss ich schon meine Zuflucht zu höheren Mächten nehmen. Deine Briefe wandern mit mir, sie sollen mir dort Dein freundliches, liebevolles Bild vergegenwärtigen. Mehr sage ich nicht, denn eigentlich kann man Dir nichts geben, weil Du Dir alles entweder schaffst oder nimmst. Lebe wohl und gedenke mein.

Jena, den 10. Mai 1810

Goete

Wien, den 15. Mai

Ein ungeheuerer Maiblumenstrauss durchduftet mein kleines Kabinett, mir ist wohl hier im engen kleinen Kämmerchen auf dem alten Turm, wo ich den ganzen Prater übersehe: Bäume und Bäume von majestätischem Ansehen, herrlicher grüner Rasen. Hier wohne ich im haus des verstorbnen Birkenstock, mitten zwischen zweitausend Kupferstichen, ebensoviel hetrurischen Lampen, Marmorvasen, antiken Bruchstücken von Händen und Füssen, Gemälden, chinesischen Kleidern, Münzen, Steinsammlung, Meerinsekten, Ferngläser, unzählbare Landkarten, Pläne alter versunkener Reiche und Städte, kunstreich geschnitzte Stöcke, kostbare Dokumente und endlich das Schwert des Kaiser Carolus. Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in Ordnung gebracht werden, da ist denn nichts zu berühren und zu verstehen, die Kastanienallee in voller Blüte und