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achte, weil ich mich immer nach der Zukunft sehne, wo ich den Freund erwarte. Adieu lebe Sie wohl. Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der Geister, in der Sie es für eine Sünde hält, die Augen offen zu haben, damit Sie keine sieht; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen Traubengänge, wo Traube an Traube hängt vom Mondlicht beschienen, und über die Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein, da war alles still. Aber weisse Schaumwellen zischten, und es patschte immer ans Ufer, und die Wellen lallten wie Kinder. Wenn man so einsam nachts in der freien natur steht, da ist's, als ob sie ein Geist wär, die den Menschen um Erlösung bäte. Soll vielleicht der Mensch die natur erlösen? Ich muss einmal darüber nachdenken; schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt, als ob die natur mich jammernd wehmütig um etwas bäte, dass es mir das Herz durchschnitt, nicht zu verstehen, was sie verlangte. Ich muss einmal recht lang dran denken, vielleicht entdeck ich etwas, was über das ganze Erdenleben hinaushebt. Adieu, Fr. Rat, und wenn Sie mich nicht versteht, so denke Sie nur, wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen ein Postorn, das Sie in der Ferne hört, einen wunderlichen Eindruck macht, ungefähr so ist mir's auch heute.

Bettine

An Bettine

Frankfurt, am 28. Juli

Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach, grad mir gegenüber, es brannte wie ein Blumenstrauss aus dem Gaubloch an der Katrinenpfort. Da war mein best Pläsier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel, die wollten alle retten helfen, der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen, denn weil das Feuer gleich aus war, da wollten sie ein Trinkgeld haben, das hat er nicht geben, da tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt. – Es ist viel Gesellschaft zu mir kommen, die wollten alle fragen, wie ich mich befind auf den Schreck, und da musst ich ihnen immer von vorne erzählen, und das ist jetzt schon drei Täg, dass mich die leute besuchen und sehen, ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch. Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir, der ist so klein geschrieben, dass ich ihn hab müssen vorlesen lassen, rat einmal von wem? –

Die Meline ist aber einmal schön, ich hab gesagt, die Stadt sollt sie malen lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hängen, da könnten die Kaiser sehen, was ihre gute Stadt für Schönheiten hat. Deine Brüder sind aber auch so schön, ich hab meiner Lebtag keine sieht aus wie ein Herzog von Mailand, und alle andern Menschen müssen sich schämen mit ihren Fratzengesichtern neben ihm. – Adieu und grüss auch die Geschwister von Deiner Freundin

Goete

An Bettine

Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne Federn von Dir und sagt: er hätt geschworen, dass er mir keine Ruh lassen will, ich müsst schreiben, wer's gewesen ist, der Deinen Brief gelesen hat. – Was hat's denn für Not, wer sollt's denn gewesen sein? – In Weimar ist alles ruhig und auf dem alten Fleck. Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus, lang eh es wahr ist, wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht, der kommt einem nicht mit der Tür ins Haus gefallen. Da sieht man aber doch recht, dass Dein Herz Deinem Kopf was weismacht. Herz, was verlangst du? – Das ist ein Sprichwort, und wenn es sagt, was es will, so geht's wie in einem schlechten Wirtshaus, da haben sie alles, nur keine frische Eier, die man grad haben will. Adieu, das hab ich bei der Nachtlamp geschrieben.

Ich bin Dir gut

Katarina Goete

Das hätt ich bald vergessen zu schreiben, wer mir Deinen Brief gelesen hat, das war der Pfarrer Hufnagel, der wollt auch sehen, was ich mach nach dem Schreck mit dem Feuer, ich sagt: "Ei, Herr Pfarrer, ist denn der Katrine-Turm grad so gross, dass er mir auf die Nas fällt, wenn er umstürzt?" – Da hat er gesessen mit seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weissen Kragen in doppelten Falten, mit der runden Stutzperück und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell, und hat den Brief gelesen, hätt's mein Sohn gesehen, er hätt gelacht.

Katarina Goete

Frau Mutter, ich danke Ihr für die zwei Brief hintereinander, das war einmal gepflügt, recht durch schweres Erdreich, man sieht's, die Schollen liegen nebenan, wie dick; gewiss, das sind der Lieschen ihre Finger gewesen, mit denen Sie die Furchen gezogen hat, die sind recht krumm, was mich wundert, das ist, dass ich Ihr so gern schreibe, dass ich keine gelegenheit versäum, und alles, was mir begegnet, prüf ich, ob es nicht schön wär ihr zu schreiben, das ist weil ich doch nicht alles und fortwährend an den Wolfgang schreiben kann, ich hab ihm gesagt in Weimar: wenn ich dort wohnte, so wollt ich als nur die Sonn- und Feiertäg zu ihm kommen und nicht alle Tag, das hat ihn gefreut; so mein ich, dass ich auch nicht alle Tag an ihn