1835_Arnim_002_119.txt

nicht würdig bin, indessen kann ich Dir nicht mit Worten schildern, was ich darauf zu erwidern habe. Du bist ein einziges Kind, dem ich mit Freuden jede Erheiterung, jeden lichten blick in ein geistiges Leben verdanke, dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen haben würde; es bleibt bei mir verwahrt, an einem Ort, wo ich alle Deine lieben Briefe zur Hand habe, die so viel Schönes entalten, wofür ich Dir niemals genug danken kann, nur das sage ich Dir noch, dass ich keinen Tag vergehen lasse, ohne drin zu blättern. An meinem Fenster wachsen, wohlgepflegt, eine Auswahl zierlicher ausländischer Pflanzen; jede neue Blume und Knospe, die mich am frühen Morgen empfängt, wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut. Alles, was Du schreibst, ist mir eine Gesundheitsquelle, deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben, erhalte mir diese Erquickung, auf die ich meinen Verlass habe.

Weimar, am 1. März 1810

Goete

An Goete

Ach, lieber Goete! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde, da ich eben nicht wusste, wohin mit aller Verzweiflung; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten verfolgt mit grosser Treue für die Helden, die ihr Heiligtum verfochten; dem Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur, wie oft hat er nach des Tages Last und Hitze sich in der späten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit seinem reinen Gewissen beratschlagt, und dieser Mann, dessen Seele frei von bösen Fehlen, offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum, hat nun endlich am 20. Februar zur Bestätigung seines grossen Schicksals den Tod erlitten; wie konnte es anders kommen, sollte er die Schmach mittragen? – Das konnte nicht sein, so hat es Gott am besten gemacht, dass er nach kurzer Pause seit dieser verklärenden Vaterlandsbegeisterung mit grosser Kraft und Selbstbewusstsein, und nicht gegen sein Schicksal klagend, seinem armen Vaterland auf ewig entrissen ward. Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta Molina, mit vielen andern Tirolern. Sein Todesurteil vernahm er gelassen und unerschüttert; Abschied liess man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht nehmen, den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler übertönte die Trommel, er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und liess ihnen sagen: er gehe getrost in den Tod und erwarte, dass ihr Gebet ihn hinüberbegleite. – Als er an ihren Kerkertüren vorbeischritt, lagen sie alle auf den Knien, beteten und weinten; auf dem Richtplatz sagte er: er stehe vor dem, der ihn erschaffen, und stehend wolle er ihm seinen Geist übergeben; ein Geldstück, was unter seiner Administration geprägt war, übergab er dem Korporal, mit dem Bedeuten: es solle Zeugnis geben, dass er sich noch in der letzten Stunde an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fühle. Dann rief er: "Gebt Feuer!" Sie schossen schlecht, zweimal nacheinander gaben sie Feuer, erst zum drittenmal machte der Korporal, der die Exekution leitete, mit dem dreizehnten Schuss seinem Leben ein Ende.

Ich muss meinen Brief schliessen, was könnte ich Dir noch schreiben? Die ganze Welt hat ihre Farbe für mich verloren. Ein grosser Mann sei Napoleon, so sagen hier alle Leute, ja äusserlich, aber dieser äussern Grösse opfert er alles, was seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt. Unser Hofer, innerlich gross, ein heiliger deutscher Charakter, wenn Napoleon ihn geschützt hätte, dann wollte ich ihn auch gross nennen. – Und der Kaiser, konnte der nicht sagen, gib mir meinen Tiroler Helden, so geh ich Dir meine Tochter, so hätte die geschichte gross genannt, was sie jetzt klein nennen muss.

Adieu! Dass Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gotteit erhebst, ist Prädestination. Von jenen lichten Waldungen des Äters, von Sonnenwohnungen, vom vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen klarheit, in der die tiefe Seele lebt und atmet, habe ich oft schon geträumt.

An Rumohr konnte ich Deinen Gruss nicht bestellen, ich weiss nicht, nach welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist.

Landshut, den 10. März 1810

An Bettine

Liebe Bettine, es ist mir ein unerlässlich Bedürfnis, Deiner patriotischen Trauer ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen, wie sehr ich mich von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fühle. Lasse Dir nur das Leben mit seinen eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden. Durch solche Ereignisse sich durchzukämpfen, ist freilich schwer, besonders mit einem Charakter, der soviel Ansprüche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du. – Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem Tempel des Mars geleitet, und überall behauptet sich Deine gesunde Energie, habe den herzlichsten Dank dafür und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner inneren Welt sein, und sei gewiss, dass die Treue und Liebe, die Dir dafür gebührt, Dir im Stillen gezollt wird.

19. März 1810

Goete

An Goete

Lieber Goete! Vieltausend Dank für Deine zehn Zeilen, in denen Du Dich tröstend zu mir neigst, so mag denn diese Periode abgeschlossen sein; dieses Jahr von 1809 hat mich sehr turbiert; nun sind wir an einem Wendepunkt: in wenig Tagen verlassen wir Landshut und gehen über und durch manche Orte, die ich Dir nicht zu nennen weiss. – Die