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ein Dorf liegt, was Kultersheim heisst, auf einem Spaziergang dahin erklärte man mir, dass dieser Name von Kultursheim herrühre, weil man da dem Bauernstand eine höhere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich jedoch auf den alten Fuss gesetzt, und diese gute Bauern, die dem ganzen land mit schönem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen um die Wette, das Schulhaus ist sehr gross und hat keine runde, sondern lauter viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dämmerung; er sass hinter dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch über dem Kopf hängen, um sich vor den Fliegen zu schützen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und schnarchte, dass es widerhallte; die Schreibbücher lagen alle aufgehäuft vor ihm, um Vorschriften im Schönschreiben zu machen; – ich malte einen Storch, der auf seinem Nest steht, und schrieb darunter:

"Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne in dem wald stolz, die fällt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle Wände stehen, müsst ihr euch nach 'ner Eich umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und Tisch, worauf ihr speist gebratnen fisch. Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen für Frau und Kind, die ihr werde't kriegen, und lernt benützen Gottes Segen bei Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der Storch auf seinem Neste dort. Der möge stets bei euch einkehren, um böses Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte sache, ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen Reim."

Ich flirrte jeden Augenblick zur Tür hinaus, aus Angst, der Schulmeister möge aufwachen, draussen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem Strohhut und machte eine schöne Schleife um das Buch, damit er's doch sehen möge; denn sonst hätte dies schöne Gedicht leicht unter dem Wust der Schreibbücher verloren gehen können. Vor der Tür sass Rumohr, mein Begleiter, und hatte unterdessen eine Schüssel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister könne aufwachen. Unterwegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand, über ihre Bedürfnisse, und wie das Wohl des staates von dem ihrigen abhinge, und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benützen könnten, und dass man sie zu freien Menschen bilden müsse, das heisst: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann sprach er auch über ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schönes gesagt, er meinte nämlich, jedem Stand müsse das als Religion gelten, was sein höchster Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schützen, hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat, seine Verpflichtungen für denselben begreiflich gemacht werden, es müsse ihm ans Herz gelegt werden, welchen grossen Einfluss er auf das Wohl des Ganzen habe, und so müsse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so würden die Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter, die ihr eigenes Kind nährt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so würde das unmittelbare Gefühl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein, gewiss jedes Opfer bringen, um sich diese Würde zu erhalten; keine Revolutionen würden dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder gerechten Forderung vorgreifen, und das würde eine Religion sein, die jeder begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei, denn alles, was nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Sünde; er sagte dies noch viel schöner und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben.

So bin ich denn auf einmal von meiner beichte abgekommen, ich wollte Dir noch manches sagen, was man sündlich finden dürfte, wie dass ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen, dass ich die Stiege küssen möchte, auf der Deine Füsse auf- und niedersteigen usw. – Dies könnte man Abgötterei nennen, oder ist es so, dass der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt? – Dass, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen Füssen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt, dass, wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im Papier, in welches Du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn ich's Papier küsse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb auf die Post schicken liess.

Adieu! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen, da ich ewig und ganz Dein bin.

Bettine

Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefällt Dir's? – Am 29. Februar

An Bettine

Liebe Bettine, ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig gemacht, dass ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe, Du musst glauben, dass ich eines so schönen Geschenkes