keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.
Den Hofer haben sie in einer Sennhütte auf den Passeirer Bergen gefangen, diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: "Der Kommandant der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Tränen in unseren Herzen." Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und macht jede Klage zu Schanden, so muss man auch das Ärgste fürchten, obschon es unmöglich ist. Nein, es ist nicht möglich, dass sie diesem sanften Helden ein Haar krümmen, der da für alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht hatten, keine andre Rache nahm, als dass er in einem Brief an Speckbacher schrieb: "Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, Österreich hat mit Frankreich Friede geschlossen und Tirol – vergessen."
In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab ich denn meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, dass das Warum nie beantwortet werden kann, dass man unmittelbare herrschaft des Führers (Dux) annehmen muss, und dass der Gefährte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen möchte; wesentlich möchte ich ebenso Dir sein, ohne viel Lärm zu machen, alle Lebenswege sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schliessen, und das wäre eine echte, strenge Fuge, wo dem Gefühl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.
Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Sünden aufrichtig gestehen, erst die, an welchen Du zum teil schuld hast und die Du auch mitbüssen musst, dann die, so mich am meisten drücken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.
Erstens: sage ich Dir zu oft, dass ich Dich liebe, ja, ich weiss gar nichts anders, wenn ich's hin- und herwende, es kommt sonst nichts heraus.
Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Gärtner, der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.
Drittens: gönne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein besonder Vergnügen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zurückhaltend usw. gewesen, das ist mir recht lieb. Viertens: vernachlässige ich alle Menschen um Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar nichts; ja, wer mich lobt, der missfällt mir, das ist Eifersucht auf mich und Dich und eben kein Beweis von einem grossen Herzen, und ist eine elende natur, die auf einer Seite ausdürrt, wenn sie auf der andern blühen will.
Fünftens: hab ich eine grosse Neigung, die Welt zu verachten, besonders in denen, so Dich loben, alles, was Gutes über Dich gesagt wird, kann ich nicht hören, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, dass sie über Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein, man kann sich ein bisschen über Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, dass sich ein unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bisschen abwerfen kann.
Sechstens: hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele, dass Du es nicht bist, mit dem ich unter einem dach wohne und dieselbe Luft einatme, ich fürchte mich in der Nähe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die Menschen, je stärker ist mein Widerwillen; angerührt zu werden, macht mich zornig, krank und unglücklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Bällen nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen könnte, auf einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kommt, nicht berührte. Was könnte das für einen Einfluss auf die Seele haben, nur neben dem Freund zu leben? – Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und leiblich ewig fremd bleiben muss.
Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hören, setze ich mich in eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich über dem ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so erwache ich aus einer andern Welt und masse mir an, die Erklärung darüber zu geben, und was andre für Wahnwitz halten, das ist mir verständlich und hängt zusammen mit einem inneren Wissen, das ich nicht von mir geben kann. – Von Dir kann ich durchaus nichts lesen hören, noch selbst vorlesen, ich muss mit mir und Dir allein sein.
Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer dumm, einander was weiszumachen. Auch dass sich der Respekt mehr in etwas Erlerntem, als in etwas Gefühltem äussert; ich meine, dass Ehrfurcht nur aus Gefühl der inneren Würde entspringen müsse. Dabei fällt mir ein, dass nahe bei München