keimenden Samen befruchtet wird? Die tief verschlossne noch ungeborne Blüte, diese, ihre Zukunft, wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschlossne Blüte des Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz, und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl; bald schöpft er mit tiefem Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum alles erfassen, was ihn gewaltig durchströmt. Ja, so ist es, lieber Goete, ich empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, dass sie die Grenze des irdischen Lebens überschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind der Atem eines höheren Lebens, dem wir einst angehören werden, und das uns in diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst.
Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren, der einer der liebenswürdigsten Familien angehört, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner, machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig Übung hatte, aber viel stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; für mich hat es Bedeutung, es hat Wahrheit, aber kein Geschick fürs Äussere, wenig Menschen finden es daher ähnlich; auch hat mich noch niemand über der Bibel eingeschlafen gesehen, im roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle, mit den Grabsteinen und Inschriften rund umher, ich eingeschlafen über der Weisheit Salomonis. Lasse es einrahmen als Lichtschirm und denke dabei, dass, während er Dein Abendlicht in stille Dämmerung verwandelt, ich träumend einer Hellung nachspähe, die den feurigliebendsten der Könige erleuchtet.
Des jungen Künstlers Charakter ist übrigens so, dass das übrige Gute, was Du für ihn sagst, nicht anwendbar ist; er ist furchtsam, ich habe ihn mit List erst nach und nach zahm gemacht, ich gewann ihn dadurch, dass ich mit Lust ebenso Kind war wie er; wir hatten eine Katze, mit der wir um die Wette spielten, in einer unbewohnten Küche kochte ich selbst das Nachtessen; während alles beim Feuer stand, sass ich daneben auf einem Schemel und las; wie es der Zufall wollte war ich gekleidet, gelagert, drapiert. – Mit grossem Entusiasmus für den günstigen Zufall machte er Skizzen nach der natur und litt nicht, dass ich auch nur eine Falte änderte, so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen, wie ich gehe und stehe und liege; in die umliegende Gegend ist er gereist, wo schöne anziehende Gesichter sind, er brachte allemal einen Schatz von radierten Blättchen mit, mit schöner Treue, für das Gemütliche, nachgeahmt; das einfache Evangelium, was ich ihm predige, ist nichts anders, als was dem Veilchen der laue Westwind zuflüstert. Dadurch wird's nicht in Irrtümer geführt werden. Beiliegende radierte Blättchen nach der natur werden Dich erfreuen.
Der Musiker ist mein Liebling, und bei diesem könnte ich schon eher in meinen Kunstpredigten über die Schnur gehauen haben; denn da hole ich weiter aus, und hier schenke ich Dir nichts; es geht nächstens wieder über Dich her, Du musst das überströmende unbegriffne Ahnungsgefühl wunderbarer Kräfte und ihrer mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen, nächstens werde ich tiefer Atem holen und alles vor Dir aussprechen. Sehr sonderbar ist es, auch einen Architekten lernte ich früher schon kennen, der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar erscheint; er verdient es durch frühere entusiastische Liebe zu Dir. Er machte damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus für Dich, das auf einem Felsen stand und mit vielen erznen Figuren, Springbrunnen und Säulen geziert war.
Wieviel hätte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief, es wird sich aber von selbst beantworten, oder ich bin nicht wert, dass Du so viel Herablassung an mich vergeudest. Oft möchte ich Dich ansehen, um Dir Glück in die Augen zu tragen und wieder auch Glück daraus zu saugen, darum höre ich auch jetzt auf zu schreiben.
Bettine
An Goete
Die Welt wird mir manchmal zu eng. Was mich drückt? Es ist der Waffenstillstand, der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verräterei der Politik. Die Gänse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein führen das Wort.
Aber Du, freundlicher Goete! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf den beschneiten Höhen liegt und in mein Zimmer guckt. – Ich hab mir des Nachbars Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.
Ohne Dich wär ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schöpft; Du Dichter, Freier der natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es anbeten lehrt.
Dass ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern spräche. Höre, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im Bewusstsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. – Ach