noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklärte mir aus Deinen paar flüchtigen Zeilen alles; "ich kenne ja den Wolfgang", sagte sie, "das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er hält Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum". – Da streichelte mich diese Hand, die Deine Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat, wo
Bettine
Morgen geh ich wieder nach München, da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten wiedersehen. In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schöne Abhandlung über die ehmalige geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.
Goete an Bettine
Weimar, den 3. November 1809
Wie könnte ich mich mit Dir, liebe Bettine, wollen in Wettstreit einlassen, Du übertriffst die Freunde mit Wort und Tat, mit Gefälligkeiten und Gaben, mit Liebe und Unterhaltung; das muss man sich denn also gefallen lassen und Dir dagegen so viel Liebe zusenden als möglich, und wenn es auch im Stillen wäre.
Deine Briefe sind mir sehr erfreulich, könntest Du ein heimlicher Beobachter sein, während ich sie studiere, Du würdest keineswegs zweifeln an der Macht, die sie über mich üben; sie erinnern mich an die Zeit, wo ich vielleicht so närrisch war wie Du, aber gewiss glücklicher und besser als jetzt.
Dein hinzugefügtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und gebührend begrüsst. Es ist sehr natürlich und kunstreich, dabei ernst und lieblich. Sage dem Künstler etwas Freundliches darüber und zugleich: er möge ja fortfahren, sich im Radieren nach der natur zu üben, das Unmittelbare fühlt sich gleich, dass er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe, versteht sich von selbst. Ein solches Talent müsste sogar lukrativ werden, es sei nun, dass der Künstler in einer grossen Stadt wohnte oder darauf anlasse ihn doch, noch jemand vorzunehmen, den ich kenne, und schreibe seinen Namen, vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das interessante Bettinchen, fürwahr, sie sitzt so treulich und herzlich da, dass man dem etwas korpulenten buch, das übrigens im Bilde recht gut komponiert, seine Stelle beneiden muss. Das zerknillte Blättchen habe ich sogleich aufgezogen, mit einem braunen Rahmen umstrichen, und so steht es vor mir, indem ich dies schreibe, sende ja bald bessere Abdrücke.
Albrecht Dürer wäre ganz glücklich angekommen, wenn man nicht die unselige Vorsicht gehabt hätte, feines Papier obenauf zu packen, das denn im Kleide an einigen Stellen gerieben hat, die jetzt restauriert werden. Die Kopie verdient alle achtung, sie ist mit grossem Fleiss und mit einer ernsten, redlichen Absicht verfertigt, das Original möglichst wiederzugeben. Sage dem Künstler meinen Dank, Dir sag ich ihn täglich, wenn ich das Bild erblicke; ich möchte von diesem Pinsel wohl einmal ein Porträt nach der natur sehen.
Da ich das Wort natur abermals niederschreibe, so fühle ich mich gedrungen Dir zu sagen: dass Du doch Dein Naturevangelium, das Du den Künstlern predigst, in etwas bedingen möchtest; denn wer liesse sich nicht von so einer holden Pytonisse gern in jeden Irrtum führen. Schreibe mir, ob Dir der Geist sagt, was ich meine. Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand, dass ich verschweige, was ich zu sagen keinen Vorwand habe. Ich bitte Dich nur noch durch Übersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in meinem haus zu spuken.
In diesen Tagen liess sich eine Freundin melden, ich wollt ihr zuvorkommen und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen, da ich die zweite Treppe im Elefanten erstieg, aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze, doch ist mir's seitdem angetan, dass ich mich oft nach der Tür wende, in der Meinung, Du kommst, meinen Irrtum zu berichtigen; durch eine baldige ersehnte Überraschung würde ich mich auch noch der in meiner Familie alterkömmlichen prophetischen Gabe versichert halten, und man würde sich mit Zuversicht auf ein so erfreuliches Ereignis vorbereiten, wenn der böse Dämon nicht grade eingeübt wär, zuvörderst dem Herzen seine tückischsten Streiche zu spielen; und wie die zartesten Blüten oft noch mit Schnee gedeckt werden, so auch die lieblichste Neigung in Kälte zu verwandeln, auf so was muss man denn immer gefasst sein, und es ist mir zum warnenden Merkzeichen, dass ich dem launigen April, obschon im Scheiden begriffen, Deine erste Erscheinung verdanke.
Goete
An Goete
München, den 9. November
Ach, es ist so schauerlich mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach, so mancher Gedanke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen kann, so manche Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose hinzieht, will verwunden sein. Hinaus ins Kalte, Freie, auf die höchsten Schneealpen mitten in der Nacht, wo der Sturmwind einem anbliese, wo man dem einzigen einengenden Gefühl der Furcht hart und keck entgegenträte, da könnte einem wohl werden, bilde ich mir ein.
Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen, blauen Himmel hinträgt und sie endlich von den breiten, mächtigen Schwingen niederschmettern lässt in die volle Blüte der Rosenzeit, das erregt nicht allgemeines Mitleid; mancher geniesst den Zauber der Verwirrung, mancher löst sein eigenes Begehren drin auf, ein