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durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, dass er sich selbst in höchst prosaischem Wahnsinn hinten angehängt hat; nichts hab ich besser verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich durch häufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, benach endlich beendigten Kollegien nicht mehr über mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame Furcht, wenn ich ihn auf der Strasse witterte. Bei Sonn- und Mondenschein stürzt er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lähmt meine Glieder, und ich falle in seine hände. Nun fing er an, sein System von Grund aus in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goetes Ansicht ja recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichtteorie auf französisch vorzulesen, er übersetzte das Ganze, um es der Pariser Akademie zu übergeben; da nun ein Dämon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder höchst gleichgültig überbaut oder zertrümmert, so hab ich ihm durch meine grossen Lügen, Parodien und Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche Zeit gefristet.

Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles sah, was er wollte, dass der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schönes Andenken, und ich habe nichts.

Am 17. Oktober

Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann nämlich während der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes versüssen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu Dir ist zu gross, als dass ich Dir ein Haar krümmen möchte, viel weniger eins abschneiden, denn Dein Haar gehört zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. – Gib mir Dein Buchlasse es schön einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa; denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. – dies Buch schenk ich Dir.

Am 16. Oktober

Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis, Du musst mir aber auch Nachricht geben, ob es unbeschädigt angekommen, und ob es Dir gefällt? – Sag mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit jungen Aufschösslingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Köln, ein Musiker von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schönen Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flügeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heisst Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein junger Kupferstecher, der bei Hess in München studiert. Beiliegendes radiertes Blättchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der natur aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefällt, so schick ich ein reineres, besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken. – All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und ist mir eine angenehme Würde, als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu werden, ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen; wie dass aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lüfte, wie Kraft der Erde, wie Drang der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre Ästetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege, wie Reif, Tau und Nebel, Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden Flügel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.

Am 15. Oktober

Merkst Du denn nicht, dass mein Datum immer zurück, statt vorwärts geht? – Ich habe mir nämlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter trägt und nie zu Dir, so will ich zurückgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und: Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den rücken kehren, ich will der Zukunft ein Schloss vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren, dass Du nirgends als zu mir kannst.

schreibe mir über die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruss, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreibe mir an einem hellen Tag; ich bilde mir immer ein, dass ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter