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Fenster hinaufwachsen, und legt's an meine Wange und sagte: "Das Blatt und deine Wange sind beide wollig"; ich sass auf dem Schemel zu seinen Füssen und lehnte mich an ihn, und die Zeit verging im stillen. – Nun, was hätten wir Kluges einander sagen können, was diesem verborgnen Glück nicht Eintrag getan hätte; welch Geisterwort hätte diesen stillen Frieden ersetzt, der in uns blühte? – O wie oft hab ich an dieses Blatt gedacht, und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte, und wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte: "Ich bin nicht klug; man kann mich leicht betrügen, du hast keine Ehre davon, wenn du mir was weismachst mit deiner Liebe." – Da fiel ich ihm um den Hals. – Das alles war kein Geist, und doch hab ich's tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran trinken wie das auge das Licht trinkt; – es war kein Geist, und doch überstrahlt es mir alle Weisheit der Welt; – was kann mir sein freundliches Spielen ersetzen? – was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks, der in mein Auge leuchtet? – Ich achte die Klugheit nichts, ich habe das Glück unter anderer Gestalt kennen lernen, und auch was andern weh tut, das kann mir nicht Leid tun, und meine Schmerzen, das wird keiner verstehen.

So hell wie diese Nacht ist! Glanzverhüllt liegen die Berg da mit ihren Rebstöcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. – schreibe Sie bald; ich hab keinen Menschen, dem ich so gern vertraue, denn weil ich weiss, dass Sie mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen für mich da ist, und dass Sie mit niemand über mich spricht. – Wenn Sie wüsst, wie tief es schon in der Nacht ist! Der Mond geht unter, das betrübt mich. schreibe Sie mir recht bald.

Bettine

Winckel, am 25. Juni

Frau Rat, ich war mit dem Franz auf einer Eisenaushalten, es regnete oder vielmehr nässte fortwährend, die Leute sagten: "Ja das sind wir gewohnt, wir leben wie die fisch, immer nass, und wenn einmal ein paar trockne Tage sind, so juckt einem die Haut, man möchte wieder nass sein." Ich muss mich besinnen, wie ich Ihr das wunderliche Erdloch beschreibe, wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet, wo an den Bergwänden hinan einzelne Hütten hängen und wo im Dunkel die einzelnen Lichter herüberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei, die immer dasselbe Stückchen hören lässt, recht an den Tag gibt, dass die Einsamkeit hier zu Haus ist, die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird. Warum ist denn der Ton einer einsamen Hausflöte, die so vor sich hinbläst, so melancholisch langweilig, dass einem das Herz zerspringen möchte vor Grimm, dass man nicht weiss, wo aus noch ein; ach wie gern möchte man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in die Lüfte; ja, so eine Schwalbe in den Lüften, die mit ihren Flügeln wie mit einem scharfen Bogen den Äter durchschneidet, die hebt sich weit über die Sklavenkette der Gedanken, ins Unendliche, das der Gedanke nicht fasst. –

Wir wurden in gewaltig grosse Betten logiert, ich und der Bruder Franz, ich hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert, er ist mein liebster Bruder. Am Morgen sagte er ganz mystisch: "Geb einmal acht, der Herr vom Eisenhammer hat ein Hochgericht im Ohr"; ich konnte's nicht erraten; wie sich aber gelegenheit ergab ins Ohr zu sehen, da entdeckt ich's gleich, eine Spinne hatte ihr Netz ins Ohr aufgestellt, eine Fliege war drin gefangen und verzehrt, und ihre Reste hingen noch im unverletzten Gewebe; daraus wollte der Franz das versteinerte langweilige Leben recht deutlich erkennen, ich aber erkannte es auch am Tintefass, das so pelzig war und so wenig Flüssiges entielt. Das ist aber nur die eine Hälfte dieses Lochs der Einsamkeit. Man sollt's nicht meinen, aber geht man langsam in die Runde, so kommt man an eine Schlucht. Am Morgen, wie eben die Sonne aufgegangen war, entdeckte ich sie, ich ging hindurch, da befand ich mich plötzlich auf dem steilen höchsten Rand eines noch tieferen und weiteren Talkessels, sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmässigen Bergwände, die es rund umgeben und ganz besäet sind mit Lämmer und Schafen; in der Mitte steht das Schäferhaus und dabei die Mühle, die vom Bach, der mitten durchbraust, getrieben wird. Die Gebäude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt, die grade jetzt blühen, und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrängte. Der reine blaue Himmel, der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfüllt. Ach lieber Gott, säss ich hier und hütete die Schafe und wüsste, dass am Abend einer käm, der meiner eingedenk ist, und ich wartete den ganzen Tag, und die sonneglänzenden Stunden gingen vorüber, und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem Stern brächten den Freund, der fänd mich an Bergesrand ihm entgegenstürzend in die offne arme, dass er mich plötzlich am Herzen fühlte mit der heissen Liebe, was wär dann nachher noch zu erleben? Grüss Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm, dass zwar mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist, dass ich aber der goldnen Zeit nicht