1835_Arnim_002_109.txt

mit Dir sein darf; ich glaube wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt, denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen gewöhnt ist, so mein Herz den wärmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei allem, was mich daran erinnert, dass Du in dieser sichtbaren Welt lebst.

Deine Mutter erzählte mir, dass, wie ich neugeboren war, so habest Du mich zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe meine Mutter sorge getragen, Du würdest mich blenden, und nun geht ein grosser Glanz von Dir aus über mich.

Am 21. Oktober

Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus München vertrieben hat, ich habe Durst nach den Märchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als gar nichts hören; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete für sie.

Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein Stein am Turm geweisst, da ist er nun von oben bis unten weiss geplackt.

Indessen geht man an schönen Tagen hier weit spazieren mit einer liebenswürdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher natur ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny sehr auszeichnet, hat schöne Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins Gesicht; denn er trägt einen grünen Mantel, dem er einen vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schönheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterländischen Wein durch den bayerischen Flusssand filtriert, um sich zu gewöhnen, so wird er täglich blasser, schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen müssen, um ihr seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat natur, zärtlich, aber nicht überall dieselbe, demselben.

Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schön präpariert hat, um mir zu zeigen, wie Goete recht hat, und viele freundliche Leute sind unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege, man übt sich aufs kommende Frühjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol vorhat; wer weiss, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler schon seufzen gelernt haben.

Heute Nacht hab ich von Dir geträumt, was konnte mir Schöneres widerfahren? – Du warst ernstaft und sehr geschäftig und sagtest: ich solle Dich nicht stören. Das machte mich traurig, da drücktest Du sehr freundlich meine Hand auf mein Herz und sagtest: "Sei nur ruhig, ich kenne Dich und weiss alles", da wachte ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedrückt hatte, war auf meiner Brust abgebildet, ich passte ihn wieder in die Abbildung und drückte ihn noch fester an, weil ich Dich nicht an mich drücken konnte. Ist denn ein Traum nichts? – Mir ist er alles; ich will gern die Geschäfte des Tages aufgeben, wenn ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Glück, Du.

Am 19. Oktober

Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzubis acht Sängern errichtet, ein alter geistlicher Herr, Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzählen), ein tüchtiger Bärenjäger und noch kühnerer Generalbassspieler, ist Kapellmeister. An Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgeführt, ich will Dir gern die schönsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selbsten nicht hast, schreibe nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schön, das Gehör muss sich erst daran gewöhnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bändigen mag, eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen werden, dass man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten liesse. Man hatte indessen ein barbarisches Urteil über diese und Marcello gefällt, ich wurde bizarr genannt, dass ich täglich zweimal, morgens und abends, nur diese Musik singen liess. Nach und nach, wie jeder Sänger seinen Posten verstehen lernte, gewann er auch mehr Interesse. – Auf Apolls hohen Koturnen schreiten, mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern, Sklavenketten zerbrechen, den jubel der Freiheit ausströmen, bacchantische Lust ausrasen, mit dem Schild der Minerva die anstürmenden Chöre zusammendrängen, ihre Evolutionen ordnend schützen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefühligen Leib, jeder Ton berührt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die scheinheiligen, moralischen Tendenzen sehe ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der natur, und Du weisst das am besten.

Am 18. Oktober

Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum teil mit Langerweile, aber doch auch mit Teilnahme mein Ohr seinem fünfundzwanzigjährigen Manuskript geliehen, mich mühsam