1835_Arnim_002_108.txt

einer einzigen Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg, gestern hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte, verabschiedet, er heisst Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulösen, dazu gehört auch grossartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fährt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Strassen, und besonders hat er mehrere junge Leute, ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen, weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nächstens hingehen, um böse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle aufgeregten Gefühle nutzlos sich verzehren müssen. Adieu, ich bin Dir nicht grün, dass Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgültiges, das tötet das flüchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.

Bettine

An Bettine

Deinen Vorwürfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts übrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist; auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am interessantesten sein möchte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches gewähren, dass sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.

Gern geb ich Dir zu, dass Du ein weit liebenswürdigeres Kind bist wie alle, die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum erwart ich von Dir, dass Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus hast. Verbinde nun mit solchen schönen Eigenschaften

auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen überwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.

Jena, 7. Oktober

Goete

Landshut, am 24. Oktober

Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher Waldpflanzen mächtig gross, und ihre Jahrhunderte zählte, ganz abgewendet vom Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man muss über manchen Stiegelhupfer, kommt allmählich aufwärts zwischen Tannen und Fichten, die ihre breiten Äste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein Jagdschloss von Ludwig dem Schönen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust war, in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwärts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt, das wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen, sonst war alles still, er rief, ob ihn niemand höre, die Müllerin, die gar schön war, wachte auf, zündete ein Kienholz an und kam vor die Tür gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis am frühen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr kommen möge. Er vergass burg, die er verlor, darum, dass er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine Ulmenallee, die zur Mühle führt vom Schloss aus, und die er selbst pflanzte, steht noch; "daran sieht man, dass die Bäume wohl alt werden, aber die Liebe nicht", sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und darum hat der Herzog nicht unrecht, dass er die Mark Brandenburg um die Liebe gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher wie im Frühling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Blütenblättern, ein kühles Hauchen am heissen Tag, und sie ist schön, bis sie am ende ist. Gäbst Du nun auch die Mark um die Liebe? – es würde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber hättest wie mich.

Am 23. Oktober

Der Mond scheint weit her über die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis vorüber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's oben jagt und treibt. Lieber Goete, guter Goete, ich bin allein, es hat mich wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren Kindchen, so muss ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schöne Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldspiele mit ihm, jede List versuch ich um seine Gunst. Du aber beherrschst es mühelos, durch das herrliche Ebenmass Deines Geistes; es bedarf bei Dir keiner zärtlichen Ausbrüche, keiner Beteuerungen. Während ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus des Segens, die da reicht über alle Vernunft und über alle Welt.

Am 22. Oktober

Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten, ohne einen Platz zu lassen für den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut ich