1835_Arnim_002_107.txt

Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der alten Drehorgel gepfiffen. Hättest Du mich lieb, unmöglich könntest Du von Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein Philister, dass er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines briefes vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, dass er sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte? – Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines und so kalt gegen mich, Gott weiss, welches Muster Dir hier zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werters Lotte hat mich nie erbaut, wär ich nur damals bei der Hand gewesen, Werter hätte sich nicht erschiessen dürfen, und Lotte hätte sich geärgert, dass ich ihn so schön trösten konnte.

So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind

mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du würdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, für Dich bin ich liebenswürdiger, wenn Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? für keinen andern bin ich geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt? – und ein Kuss! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am Ast? – nein, ein Umschweben Deiner geistigen natur, ein Streben zu Deinem Herzen, ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist dieser Kuss ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich verschiedensten natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.

Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es war der Spiegel des menschlich Guten. Die natur hat auch einen Geist, und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort.

Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf und verhülle mich in Dein tieferes Bewusstsein.

Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend lebendigen wird Dir kein so durchdringender blick begegnen, der hat sich angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt, dass es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige unter den Besten.

Vom Weltteater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, dass sie gut balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist grade Platz genug dort, dass von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszakken, von denen sie ausgehen, und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Grossartige wird so viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem Kronprinzen, sind Briefe hier, über begebenheiten melden sie nichts, er ist gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, dass er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiss ich nichts, das Gedicht bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als probe gesendet, man fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich könnte mein ganzes Herz tätowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man Freunde hat, die sich um einen kümmern, sie beurteilen einem verkehrt und misshandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafür soll man sich noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute Wege mit Welterrschern, dass die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fähigkeiten nicht Meister.

Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem land