schönes Bild betrachte.
Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Dürers Bildnis, welches schon vor sechs Wochen von hier abging, erhalten? – wo nicht, so bitte ich, lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.
Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein, die soll Wahlverwandtschaften heissen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen. Ich habe einmal einen fünf Stunden langen, saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein, alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her, und Abgründe, die man da sah, waren keine Abgründe der Weisheit, sondern dunkle, schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, dass die himmlische natur solche Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras gewühlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüsste, gern wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflügelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit.
9. September 1809
Bettine
An Bettine
Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Dürer angekündigt, so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hätte, es doch gern würde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wären, es abzuholen. Nun muss ich Sie bitten, wenn wir es nicht für verloren halten sollen, sich genau um die gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich, dass es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so erhalten Sie gleich Nachricht.
Der Freund, welcher die Kölner Vignette gezeichnet, weiss, was er will, und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten.
Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken. Es war mir von den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe, weiss ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Dass Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch grössere, die Sie mir verziehen haben, entschuldigt, ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiss besonders zur Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen; wenn Sie ihn daher bewegen können, den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel herzuleihen, so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen.
Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zurückgehen wollte? Gegenwärtig nur so viel von mir, dass ich mich in Jena befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiss, welche ich wählen soll. Wenn das Büchlein, das man Ihnen angekündigt hat, zu Ihnen kommt, so nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafür stehen, was es geworden ist.
Mit eigner Hand:
Nimm es nicht übel, dass ich mit fremder Hand schreibe, die meine war müde, und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild, suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte, es wäre doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt, selbst wenn es Täuschung wär, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. – Was Du zum voraus über die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer blick, denn leider geht die Sonne düster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht Dürer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.
Jena, den 11. September 1809
Goete
Heute bitte ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft hätte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene sorge gemacht, es ist in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die Nachricht nicht an mich herüber. Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Lass mich bald wieder von Dir vernehmen. Der Herzog grüsst Dich aufs beste, einiges muss ich ihm auch diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine entusiastische An- und Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zurück, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September 1809
G.
26. September