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ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir schon betrachtet. Dieser Weg führt nicht zu Dir, und doch wird er mir täglich lieber, wenn mich nun einer gewohnt würde, zu Dir zu tragen, wie würden da Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden, dass mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt.

Vom Kronprinz weiss ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart behandelte und hungern liess, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezählt, er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete. Sein kaltes Blut mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch anderweitig gerühmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber dass er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat, dafür sei er gelobt und gesegnet.

Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darüber zu bitten, er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zügen; ich sage: es hat eine grosse Ähnlichkeit mit einem Bock, dies liesse sich noch rechtfertigen.

Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager, das passt zu gut und gefällt ihm zu wohl, als dass er je vom Platz rückte.

Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze, zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du für ihn geschrieben hast; ich musste es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fürsprache bei Dir habe, wie Du bei ihm, so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken, einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand.

Bettine

Köln, wo ich vorm Jahr so fröhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt, er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um, und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.

Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frühe, wo noch kein Mensch des Weges geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen Schatten am frühsten Morgen sind mir bessre gefährten als alles, was mir den ganzen Tag über begegnet.

Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schönem Wetter frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muss ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen Taubenschlag, so gross wie er ist, muss er sich an den Boden ducken, hundert Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zärtlich schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draussen hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern ihn; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da nun Winter ein wahrer Koloss ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar, der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm kauernd, einen grossen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck heben, sie lässt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von höherer Macht fühlt man sich als Organ benützt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung, dass der Sänger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgeniessend sich empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal ästetischer Erhabenheit, wo alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.

Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's, als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen, und doch fühlte ich meine Unzulänglichkeit, ich wusste nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts weiss, als nur, dass man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten, alles möchte ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was ich im Gefühl denke, das ist schwer; – ja, solltest Du's glauben? – Gedanken machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, dass ich ihnen ausweiche, und alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hörte im Nachbarsgarten und ich fühlte, man müsse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen