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kann ich die schöne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, dass Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.

Erlaube mir, ja fordere es, dass ich dieselbe Luft einatme wie Du, dass ich täglich Dir unter die Augen sehe, dass ich den blick aufsuche, der mir die Todesgötter bannt.

Goete, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit raubt; da Du es nun vermagst mit gelassnem blick reichlich zu spenden, warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren oft von den Flammen des krieges gerötet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm würgt, wo die einzige Freiheit eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert. Diese Menschen, die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten, die den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer Höhe herab schwindlig; es ist ein Volk, das für den Morgen nicht sorgt, dem Gott unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den höchsten Felsspitzen über den Nebeln ruht, auch so über den Nebeln der Zeit tront, das lieber im Licht untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Entusiasmus des eignen freien Willens! wie gross bist du, da du allen Genuss, der über ein ganzes Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so lässt sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich wiederzusehen, und allen Entusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen, und darum begehre ich auch ausser diesem nichts mehr.

Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen, was dem Dux gewiss Freude machen würde, und was auch verdiente, verewigt zu werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus misshandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, dass man lieber gar nicht hinhorcht, als dass man das Herz durch Lügen sich schwer machen lässt. – Das Gute, was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn sie es vermöchten, so würden sie gewiss das Gelingen der Feinde leugnen. Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst, unbegrenzte Güte, durchsichtige, bedürfnislose natur; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut alles, indem er seinen Entusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Pläne; und auch noch was der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die Mühlen, erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen gefahrvollen Plan überlässt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrücke der Bayern macht er flott. In einer stürmischen Nacht, im wasser bis an die Brust, hält er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartätschen flott macht. – List ist seine göttlichste Eigenschaft, den verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verändert Kleidung und Gebärde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen, man lässt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errät unterdessen alles, was er wissen will, in dieser grossen Gefahr, mit noch zwei andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, lässt sich beleuchten, untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen, zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.

Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlässigkeit von Österreich, das überhaupt ist, als könne es keinen glücklichen Erfolg ertragen, und fürchte sich vor seinem grossen Feind, einst diese Siege verantworten zu müssen, und so wird es auch noch kommen, es wird noch den grossen Napoleon um Verzeihung bitten, dass man ihm die Ehre erzeigt, ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiss ist mir, dass auf Erden allem Grossen schlecht vergolten wird.

Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Dürers selbst verfertigtem Porträt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage verreist und weiss also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die gelegenheit, mit welcher es ging, exakt ist, Du musst es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben, schreibe mir darüber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum musst ich Dir's geben, weil ich mich selbst Dir geben möchte.

Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch der Sturm, und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen, dass ich ernten kann Kuss um Kuss? – Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes Gräschen