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. Dass sie doch alle vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewusste Philosophie.

Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt, so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht, drin unterzugehen; möchte sie doch! welch seliger Tod! – Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.

Bettine

Bleib ihr gut, schreibe ihr bald und grüss die Deinen.

An Bettine

In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen, liebe Bettine, ich muss mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden. So lasse Dir denn genügen, dass die Ferne Deinen Einfluss nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst, und dass ich Deine bösen wie Deine guten Träume mitträumen muss. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben; da man doch Dich lieben lernen müsste, selbst wenn man nicht wollte.

Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben, die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen. Der humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heissen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen person rekognosziert, da mag es ihm denn freilich nicht beikommen, dass Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest, wo Dein heroischer Geist selber weilt.

Was Du mir von Jacobi erzählst, hat mich sehr ergötzt, seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, dass ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe, die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen. Zu loben bist Du, dass Du keiner autentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen. So ist gewiss Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte, dem wir als Prädikat höherer Geister unsere achtung nicht versagen möchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswürdigen Koboldstreichen verbirgst, so wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.

Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient Anerkenntnis, obschon ich glauben muss, dass es Dir ebenso darum zu tun ist, den Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine Wünsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres; und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden allmählich vermehrt, wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden, so erkenne daran, dass, während Du glaubst, mein Gedächtnis für so schöne Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen, ich unterdessen der süssesten Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe, dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken.

bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit treu.

G.

Jena, den 7. Juli 1809

Wie mit innigstem Behagen,

Lied, gewahr ich deinen Sinn;

Liebevoll scheinst du zu sagen,

Dass ich ihm zur Seite bin.

Dass er ewig mein gedenket,

Seiner Liebe Seligkeit

Immerdar der Treuen schenket,

Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,

Freund, worin du dich erblickt,

Diese Brust, wo deine Siegel

Kuss auf Kuss hereingedrückt.

Süsses Dichten, lautre Wahrheit,

Fesselt mich in Sympatie!

Rein verkörpert Liebesklarheit

Im Gewand der Poesie.6

An Goete

Kein Baum kühlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nähe zu sein hält so viel Ewigkeit in sich, dass ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er entlässt sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit noch für Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Güte mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen.

Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.

Das Gedicht gehört der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es würde mein Herz verzehren.

Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wär ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu viel ist), dass ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu dürfen.

Weil ich Dich kenne, so fürchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger