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in der Erinnerung wie in der Zukunft; der Frühling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat, dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst, noch hat der Regen keine Blüte zerstört, alle Abend hauchen sie noch den süssen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen, dass ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da Du mich auf meinen Mund geküsst, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets hoffen, dass die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so glaube ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, lass mich so jung und weise sein wie Du, und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.

schreibe mir, wie Du glaubst, dass ich das Bild ohne Gefahr schicken könne, aber bald. – Wenn Du mir keine gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goete, wärst sehr ungerecht, wenn Du andre mir vorzögst, da so meisterlich, so herrlich, natur mein Gefühl Dir verwebt hat, dass Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken musst.

Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung, die alles bildende Ruhe im Busen störte, dann möchte ein leichter Wind, der durch die Grashalmen fährt, der Nebel, wie er sich von der Erde löst, die Mondessichel, wie sie über den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der natur einem wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreissen haben, da will sie keinem Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, dass man sich auf seinen Arm gestützt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz, so weiss ich jeden Baum des Parks noch, an dem wir vorübergegangen, und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest, die Jugend sei wollig; und dann die runde, grüne Quelle, an der wir standen, die so ewig über sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir eine Minute gesessen, und Du sagtest: "Setze Dich näher, damit die Kugel nicht in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr", und ich war einen Augenblick so dumm, zu glauben, die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht auf sie scheine, und da hab ich gewünscht, nur einen Frühling mit Dir zu sein, hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; "ei nein", sagtest Du, "aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spass ein Ende machen"; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken, Du warfst Deinen Überrock über mich, ich sah durch den langen Ärmel, wie der Herzog immer näher kam, ich sah auf seinem Gesicht, dass er was merkte, er blieb an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so grosse Angst hatte ich unter Deinem Überrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das sah ich durch Deinen Rockärmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? – nicht viel Weisheit, denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates über die Liebe belehrte, und sagtest: "Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit", – und warum waren wir da beide so tief bewegt? – dass Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten: "Lieb mich immer", und ich sagte: "Ja." – Und eine ganze Weile drauf, da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und sagtest; "Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist." – Ach! Goete, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar nicht, dass ich mit Selbstbewusstsein Dir die Treue zugesagt hätte, es ist alles mächtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich muss alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen einzigen Frühling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, dass ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke. Ich bin am Ende des Blattes, und wär's nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt, so möchte ich ein neues anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich