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die des verklärten Plato. Sie sind schön, und es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie würdig der Unsterblichkeit darzustellen"; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir auch liess, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. – Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages, ohne welche der Tag nicht schön gewesen sein würde; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich fürchte mich vor Helenen, die aus beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir ist es grade recht, denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im gang sein mögen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet. Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedürfnis, Dir alles ans Herz zu legen, hinlänglich beurkundet.

7. Juni

Bettine

An Goete

16. Juni

Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zögere nicht allzulang. Soeben vernehme ich, dass jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht. Das bläst die Asche von der Glut, mich hält's, dass ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu wissen, was dort vorgeht; ich käme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich dem Einfluss, den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat, entziehen wollte; wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe, da muss ich immer mit ihr.

Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewölk, Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. – Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber ich hab Dich diese ganze Zeit über bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Dürer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst gemalt; es hat die graziösesten Züge aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe, das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt: ein jeder mag König sein über sich selber. So meine ich nämlich, dass die natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit, über die Zufälle des äusseren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Hässlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen, die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergänglichen Meister wird. Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's kopieren lassen. – Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu fühlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und dass ich Dir's recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt, der aus seinen edlen Augen dringt, dass er mir mehr im Umgang war als ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen, ich wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluss, es die nächstfolgende abzusenden, ohne dass ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein lieber Goete, ich hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wär wohl meiner kindischen Art zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal führt, soll es nicht in andre hände kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so müsse es wieder in meine hände kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu können, indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte, so würde ich verzweifeln, Dich bald wiederzusehen; allein, dass nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon manchen Menschen alt gemacht. – Du bist mir lieb über alles,