Wie ist natur so hold und gut. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin, wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen? – Gewiss nicht.
Am Samstag waren die Brüder hier, bis zum Montag. Da haben wir die Nächte am Rhein verschwärmt. George mit der Flöte, wir sangen dazu, so ging's von Dorf zu Dorf, bis uns der aufgehende Tag nach haus trieb. – Fr. Mutter, auf dem prächtigen Rheinspiegel in Mondnächten dahingleiten und singen, wie das Herz eben aufjauchzt, allerlei lustige Abenteuer bestehen in freundlicher Gesellschaft, ohne sorge aufstehen, ohne Harm zu Bette gehen, das ist so eine Lebensperiode, in der ich mitten inne stehe. Warum lasse ich mir das gefallen? – weiss ich's nicht besser? – und ist die Welt nicht gross und mancherlei in ihr, was bloss des Menschengeistes harrt, um in ihm lebendig zu werden? – Und soll das alles mich unberührt lassen? – Ach Gott das Philistertum ist eine harte Nuss, nicht leicht aufzubeissen, und mancher Kern vertrocknet unter dieser harten Schale. Ja, der Mensch hat ein Gewissen, es mahnt ihn, er soll nichts fürchten, und soll nichts versäumen, was das Herz von ihm fordert. Die leidenschaft ist ja der einzige Schlüssel zur Welt, durch die lernt der Geist alles kennen und fühlen, wie soll er denn sonst in sie hineinkommen? – Und da fühl ich, dass ich durch die Liebe zu Ihm erst in den Geist geboren bin, dass durch Ihn die Welt sich mir erst aufschliesst, da mir die Sonne scheint, und der Tag sich von der Nacht scheidet. Was ich durch diese Liebe nicht lerne, das werde ich nie begreifen. Ich wollt, ich säss an seiner Tür ein armes Bettelkind, und nähm ein Stückchen Brot von ihm, und er erkennte dann an meinem blick, wes Geistes Kind ich bin, da zög er mich an sich und hüllte mich in seinen Mantel, damit ich warm würde. Gewiss er hiess mich nicht wieder gehen, ich dürfte fort und fort im Haus herumwandeln, und so vergingen die Jahre und keiner wüsste, wer ich wäre, und niemand wüsste, wo ich hingekommen wär, und so vergingen die Jahre und das Leben, und in seinem Antlitz spiegelte sich mir die ganze Welt, ich brauchte nichts andres mehr zu lernen. Warum tu ich's denn nicht? – Es kommt ja nur darauf an, dass ich Mut fasse, so kann ich in den Hafen meines Glückes einlaufen.
Weiss Sie noch, wie ich den Winter durch Schnee und Regen gesprungen kam, und Sie fragt: "Wie läufst Du doch über die Gasse?" Und ich sagte, wenn ich die alte Stadt Frankfurt nicht wie einen Hühnerhof traktieren sollte, so würde ich nicht weit in der Welt kommen, und da meinte Sie, mir sei gewiss kein wasser zu tief und kein Berg zu hoch; und ich dachte damals schon: ja, wenn Weimar der höchste Berg und das tiefste wasser ist. Jetzt kann ich's Ihr noch besser sagen, dass mein Herz schwer ist und bleiben wird, so lang ich nicht bei ihm bin, und das mag Sie nun in der Ordnung finden oder nicht.
Adieu lebe Sie recht wohl. Ich werde nächstens bei Ihr angerutscht kommen.
An Goetes Mutter
Winckel, am 12. Juni
Ein Brief von Ihr macht immer gross aufsehen unter den Leuten; die möchten gern wissen, was wir uns zu sagen haben, da ich ihnen so unklug vorkomme. Sie kann getrost glauben, ich werde auch nie klug werden. Wie soll ich Klugheit erwerben, mein einsamer Lebenslauf führt nicht dazu. Was hab ich dies Jahr erlebt? – Im Winter war ich krank; dann macht ich ein Schattenspiel von Pappendeckel, da hatten die Katze und der Ritter die Hauptrollen, da hab ich nah an sechs Wochen die Rolle der Katze studiert, sie war keine Philosophin, sonst hätt ich vielleicht profitiert. Im Frühjahr blühte der Orangenbaum in meinem Zimmer; ich liess mir einen Tisch drum zimmern und eine Bank, und in seinem duftenden Schatten hab ich an meinen Freund geschrieben. Das war eine Lust, die keine Weisheit mir ersetzen konnte. Im Spiegel gegenüber sah ich den Baum noch einmal und wie die Sonnenstrahlen durch sein Laub brachen; ich sah sie drüben sitzen die Braune, Vermessene; an den grössten Dichter, an den Erhabenen über alle zu schreiben. Im April bin ich früh drauss gewesen auf dem Wall und hab die ersten Veilchen gesucht und botanisiert, gens mit Sonnenaufgang fuhr ich hinaus nach Oberrad, ich spaziert in die Gemüsfelder und half dem Gärtner alles nach der Schnur pflanzen, bei der Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt, die dunkelroten Nelken sind meine Lieblingsblumen. – Bei solcher Lebensweise, was soll ich da lernen, woher soll ich klug werden? – Was ich Ihrem Sohn schreibe, das gefällt ihm, er verlangt immer mehr, und mich macht das selig, denn ich schwelge in einem Überfluss von Gedanken, die meine Liebe, mein Glück ausdrücken, wie es Ihm erquicklich ist. Was ist nun Geist und Klugheit, da der seligste Mensch, wie ich, ihrer nicht bedarf? –
Es war voriges Jahr im Eingang Mai, da ich ihn sah zum erstenmal, da brach er ein junges Blatt von den Reben, die an seinem