befunden habe – "aber dieser Krieg," setzte Hedwig traurig hinzu, "wird wohl das Ende ihres Lebens sein. Siegen wir, so stirbt sie vor Freude, und werden wir von neuem unterjocht, so stirbt sie vor Kummer."
Es flogen Wolken über den Himmel, die Sonne ward bedeckt, und bald fiel ein trüber Regen. Sie eilten nach der Stadt zurück, Valerius versprach, um die Teezeit seinen Besuch zu machen, und so trennten sie sich.
Dieser plötzliche Wechsel vom schimmernden Sonnenscheine zum grauen trübseligen Regenwetter verdüsterte seinen Sinn, der nur gar zu geneigt war, sich dunklen Ahnungen hinzugeben, wenn der Himmel seine Anzeichen zu senden schien. Sein Geist kämpfte gegen den Aberglauben, aber sein Herz dafür. Von demselben Fenster seiner wohnung, aus dem er noch vor kurzem die freudestrahlenden Waffen der polnischen Soldaten gesehen hatte, erblickte er jetzt mit Mühe durch die düstere Luft dunkle heimkehrende Scharen; es war ihm einen Augenblick, als weine das ganze Volk, vom Himmel und Glück verlassen.
Er rief Magyac, und fragte ihn hastig, ob er gestern das erstemal im patriotischen Klub gewesen sei. In dem Augenblicke kam ihm erst jene befremdliche Äusserung der Fürstin wieder ins Gedächtnis, die eine Stunde nach seiner Anwesenheit in der demokratischen Versammlung bereits davon gewusst habe. Nichts verstimmt offene, redliche Menschen mehr, als die Überzeugung, umschlichen und behorcht zu werden; es belastet sie wie ein böses Gewissen, und das ist das ärgste, was sie fürchten.
"Nein, Herr," antwortete Magyac, "zum zweiten Male." Er versicherte, Valerius gar nicht gesehen, noch weniger gegen jemand seinen Namen genannt zu haben. Dieser hatte Magyac im Verdachte, auch in jenem Stallgebäude gewesen zu sein, und er war im Begriffe, ihn auch danach zu fragen. Aber es hielt ihn eine Art Stolz zurück, nach Geheimnissen zu forschen, die man verbergen wollte. Dies ganze Wesen von heimlichen Umtrieben, das sich um ihn her spann, verstimmte ihn indes immer mehr. Er war gekommen, für dieses Volk zu kämpfen, und nun sah er sich fortwährend wie ein störender Fremder übergangen und doch beobachtet. Bei grösserer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage; es war Torheit zu verlangen, dass die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten Absichten einweihen sollten. Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der seine ebenfalls natürlich.
So verbrachte er in trüber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer. Alle Zweifel über Leben, Völker, Freiheit rüttelten wieder an ihm, und er schalt sich selbst, dass der Gedanke an die glänzende Fürstin zum öftern in ihm aufstieg, und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte beleuchtete.
Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind, so hält kein Glaube mehr fest, und die stärksten Menschen, welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens gewagt haben, erschrecken vor ihrer Kühnheit. Sie beneiden dann einen Augenblick die grosse Masse der Alltagsmenschen, die im hergebrachten Schlendrian einherziehen, dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen, und in Trübsal immer links und rechts Stützen finden, weil sie nie von der allgemein betretenen Heerstrasse gewichen sind. Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit werden auch immer die Märtyrer derselben, selbst wenn ihnen die alte störrige Aussenwelt keine Kerker öffnet, keine Schafotte errichtet. Ihr Gewissen, das unter den alten Gedanken aufgewachsen ist, hält sie unter einer immerwährenden Tortur, und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen, weil es die Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet. Die immerwährende Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht. Und der stärkste Mensch misstraut seinen Kräften, der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden: Bringst du nicht auch Unglück mit deinen neuen Gedanken? Beruht das Herkommen nicht auf der Weisheit vieler Generationen? Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht vielleicht unreif, unvollkommen, grün und dreist neben den alten viel geprüften Formen?
Ertappt er sich nun auf einen Irrtum, auf einer Schwäche, sie mögen noch so fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken, dann ist die allgemeine Unsicherheit da. So ging es auch Valerius. In all seinen Überzeugungen war er schwankend geworden. Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen, als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern, seine Ansicht über Ehe und Treue. Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf, und der quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen.
Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer, und noch ging er brütend, prüfend, anklagend, verteidigend, verwerfend in demselben auf und ab. Einem fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen, wie er halblaut sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien. Alle die verschiedenen Meinungen, mit denen er rang, schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen, bald rastete er vor diesem, bald vor jenem, und sprach mit ihnen, und antwortete statt ihrer:
"Wenn ich die gewöhnliche Treue tadle, rede ich nicht der jämmerlichen Liederlichkeit das Wort, die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lüsten nachjagt, mag aus den Opfern derselben werden, was da will! Löse ich nicht den Bestand aller Dinge auf, wenn ich den zuverlässigen Glauben auf ihre unwandelbare Stetigkeit hinwegreisse? Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen, welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben?"
"Aber war nicht die rohe Tapferkeit, der grausame blutdürstige Fanatismus einst auch eine