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aber mitten in diesen Gedanken durch seine Seele hinzog, davon wusste er am andern Morgen nur noch einzelne Stükke. Im Verlauf des Lebens dichtete er sich einen Zusammenhang.

17.

Die Vormittagssonne weckte Valerius aus seinen Träumen und brachte ihm, wie sie es stets tat, die Hoffnung auf einen lebendigen, heiteren Tag, auf eine lichte Zukunft. Er schrieb's auch diesen Sonnenstrahlen zu, dass er sein Herz so ahnungsreich und fröhlich bewegt fühlte, als stünden ihm grosse Freuden bevor. Er hatte es zwar nicht vergessen, dass er sich Briefe bei der Fürstin holen sollte, aber er meinte, diese schöne verführerische Frau habe keinen Anteil an seiner angenehmen Stimmung, und er werde auch heute noch nicht zu ihr gehen.

Mit diesen herumspielenden Gedanken legte er sich ins Fenster, mitten ins Gold der Sonne hinein, und atmete heiter die milde Winterluft. Das Fenster führte nach der südöstlichen Fläche vor Warschau, und die Waffen der manövrierenden Truppen, welche dort herumschwärmten, blitzten weitin wie ein Funkenregen. Noch war auf dieser deutschen Seite der Stadt kein Feind zu erwarten, und selbst Valerius liess sich die Möglichkeit nicht träumen, dass noch in demselben Jahre von jener besonnten Ebene der neue Untergang des polnischen volkes in die Tore ziehen werde. Seine traurigen Gedanken waren überhaupt in den Hintergrund gedrängt, und er ertappte sich bald nur auf der Frage: "Gehst du heute zur Fürstin, oder nicht?" Er musste über sich selbst lachen und sich eingestehen, dass es wieder ein Stückchen jenes geheimen Etwas, jener Eitelkeit, dass es Koketterie sei, wenn er nicht hingehe. "Du willst dich rar machen, den Uninteressierten spielen," sagte er sich spottend. Aber es kam heute nichts Ernstaftes in ihm auf, die Zeit der Vorwürfe gegen sich selbst schien vorüber zu sein; es ist auch langweilig und abgeschmackt, sich fortwährend zu hofmeisterndachte erwir wollen einmal meine Erziehung und die Erziehung des Menschengeschlechts eine Zeitlang auf sich beruhen lassen. Magyac musste das Pferd satteln, und er ritt spazieren, hinaus in die Sonne, und wenn das Pferd gelaufen wäre bis ins heisse Afrika. O, es entwickelt sich ein so schönes, gesundes Leben unseres Geistes und Herzens, wenn wir zu Wagen oder zu Pferde dahingerissen werden in die reine Gottesluft, Kopf und Herz werden durch keine Mühseligkeit des Körpers gestört und der Mut wächst hoch in die Wolken. Der Mut ist aber der eigentliche Lebensstoff, welcher überall das Grösste erzeugt in Taten und Gedanken.

Es flog sein Gaul an einem Phaeton vorüber, aus welchem er seinen Namen zu hören glaubte. Aber es tat ihm weh, dem lustigen Pferde das eiserne Gebiss einzudrücken und seinen Lauf zu hemmen. Wie oft seufzen wir gegen die Macht, wenn sie uns durch Schmerzen zügelt, wo wir mit vollen Segeln dahinstreichen möchten! Und ein feines Gefühl setzt unsere Verhältnisse leicht fort im Umgange mit lieben Tieren. Liegt doch namentlich im Pferde soviel Schönheit und Adel, dass es den Menschen nur zu leicht an ein verwandeltes, unglückliches Geschlecht gemahnt, und seine Freundlichkeit und sanfte Hand in Anspruch nimmt. Valerius kehrte also erst um, als das Pferd seine Lust gebüsst hatte, und suchte nun den Wagen wieder zu erreichen, um zu sehen, ob er sich geirrt habe oder nicht. Dieser schien seine Richtung nach den Truppen hin zu nehmen, welche sich auf der Fläche herumschwenkten. Jetzt hielt er still, Valerius sah einen Reiter mit einem Handpferde ansprengen, ein Soldat sprang aus dem Wagen, bestieg das Pferd, und ritt zu den Truppen. Federn von Damenhüten wehten über das zurückgeschlagene Verdeck der Kutsche, Valerius näherte sich langsam.

"Da kommt der Unartige ganz langsam angeschlichen!"

Das war Hedwig, und die Fürstin sass neben ihr. Sie war Gast im haus von Stanislaus' Eltern. Dieser war der Reiter gewesen, dessen Regiment hier manövrierte, Konstantie wollte die Truppenbewegungen ansehen.

Sie begrüsste ihren Landsmann auf das freundlichste, ja es lag ein Schmelz von Innigkeit in ihren fragen, wie es ihm gehe, was er denke, ob ihn der schöne Morgen nicht erquicke? dass auch seine Antworten und Reden zutraulicher und herzlicher wurden als gewöhnlich.

"Ich habe Sie ja noch nie so munter gesehen, Herr von Valerius," rief Hedwig in ihrer jugendlichen Heiterkeit, "Sie haben sogar einmal rote Wangenund jetzt noch rötere."

"Das tut die Sonne, liebes fräulein, die Sonne."

"Ja, die Sonnees hat ein jeder seine Sonne."

Da brauste das Ulanenregiment vorüber, Graf Kicki in der schimmernden Uniform an der Spitze; er neigte den Degen, als er in die Linie des Wagens kam, und die schlanken Reiter, die flatternden Fähnlein, die blitzenden Waffen, das Gewieher und der Trott der Pferde gewährten den lustigsten kriegerischen Eindruck von der Welt.

"Wie können Sie denn in der Irre herumreiten, schwarz angetan wie ein Trauernder, während Ihr Regiment im bunten Glanze die Revue passiert? Sind Sie denn Ihres Dienstes entlassen?"

"Ja, mein fräulein Wunderhold, ich habe mich aus dem Waffendienst in den Augendienst begeben, und ich harre der Befehleman hält mich für unbrauchbar zum Soldaten, und spricht von mir wie Don Juan von seiner verabschiedeten Geliebten: 'Ihr Kopf hat sehr gelitten.'"

Valerius erkundigte sich nach der alten Gräfin, und hörte, dass sie sich noch ebenso befände, wie sie sich seit einigen dreissig Jahren