welchem der schläfrige Pförtner mit abgezogener Mütze stand. Es war ein altes, zerhacktes Gesicht, ein roter Säbelhieb lief wie ein Blutstrich über dasselbe. Er lächelte vertraulich, als Valerius vorbeischritt, und flüsterte ihm ins Ohr: "Herr, das lohnte ja nicht der Mühe."
Ein teil der Versammlung, die nicht eben zahlreich zu sein schien, blieb noch im hof zurück, wahrscheinlich, um kein aufsehen durch ihre Menge zu erregen. Der erste teil, mit welchem Valerius fortschritt, zerteilte sich ebenfalls am Ende der Sackgasse, und dieser schlug auf gut Glück den ersten besten Weg ein, denn er hielt es nicht für ratsam, hier zu fragen. Es ist immer gefährlicher, zuviel zu wissen, als zuwenig. Ein Bauer war ihm gefolgt, und es schien ihm, als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet worden sei. Der Mond trat eben in eine Lücke der Häuser, und das Gesicht des Bauers beugte sich plötzlich vor das seine. Es war Slodczek, der ihn forschend ansah, und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der übrigen nachstürzte, deren Schritte man noch in der Ferne hörte. Valerius erkannte das Drängende der Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite. Im Gehen zog er leise seinen Säbel aus der Scheide und drückte ihn unter den Arm. Schritte kamen hinter ihm drein; sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehören, schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdächtigen. Es bot sich eben eine Querstrasse, er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt, der Mantel flog ihm zurück, sein nackter Säbel flimmerte in der Dunkelheit.
"Pardon," sprach eine höfliche stimme. Die Tritte näherten sich schnell. Valerius fragte den Unbekannten, der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein schien, nach welcher Richtung zu der sächsische Platz läge. Die stimme gab Bescheid, und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere Strasse. Eine reitende Patrouille begegnete ihm, und er hatte nichts mehr von jenen Schritten zu besorgen. Jene stimme beschäftigte ihn aber, er glaubte sie schon gehört zu haben, es schien ihm, als hätte sie die Worte: "Joachim Lelevel" gesprochen.
Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege, es war die Strasse, in welcher Hedwig wohnte. Als er an dem haus vorbeiging, welches ihrer wohnung gegenüberlag, glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustüre zu bemerken. Genauer hinsehend erkannte er eine Mannsfigur, die in den Mantel gehüllt am Boden lag – ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf. Valerius dachte, es sei ein Verunglückter, welcher der Unterstützung bedürfe; er neigte sich zu ihm, und fragte nach seinem Schmerze und ob er helfen könne. Eine kalte Hand legte sich in die seine, und eine stimme wie aus den tiefsten Gräbern sprach: "Valerius, mir kann niemand helfen, ich bin ein Jude."
Dabei richtete sich die Figur langsam auf und trat aus der Vertiefung des Portals – die bleichen Mondesstrahlen fielen auf Joels bleiches Gesicht. Er drückte dem Valerius die Hand, warf noch einen blick auf das gegenüberstehende Haus und schritt in die Nacht hinein.
Das Schicksal schien in dieser Nacht keine gleichmässige Stimmung in Valerius dulden zu wollen. Wie betäubt von den mannigfachen Wechseln kam er nach haus und warf sich aufs Lager. Er wollte nichts mehr denken, nichts mehr überlegen, nichts fürchten, nichts hoffen, da er sich solchergestalt in der Hand von allerlei Zufällen sah, welche ihr höhnendes Spiel mit ihm trieben.
Aber unsere Gedanken sind eben der Himmel oder die Hölle, welchen wir nicht entfliehen können, selbst im Schlaf nicht entfliehen können. Denn auch die Träume stehen in ihrem Dienste. Und es will uns sogar manchmal bedünken, als streckten gerade in die Träume fremde Mächte dreister als sonst wohin ihre hände: im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen, deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen empfunden haben. Unsere Bildung wird in den Träumen sogar verarbeitet und oft neu gewendet und gerichtet, unsere Selbständigkeit ist zu Ende, aber unsere Kräfte sind gewachsen, wir empfinden uns freudig oder schmerzlich als unmittelbare Werkzeuge höherer Gewalten. Darum liessen schon die ältesten Völker im Traume die Götter kommen und mit Menschen sprechen.
Darum nennen wir noch oft die begabtesten Menschen, die Poeten, Träumer, weil wir sie erfüllt sehen von übergewöhnlichen Kräften, von göttlichen Worten und Gedanken, die ihnen nur direkt von der Gotteit gekommen sein können im Schlaf und Traume. Wenn es ein Mittel gibt, die Zukunft zu erraten, so liegt es gewiss in den Träumen.
Diese Kenntnis der Zukunft war aber eben jene Frucht vom Baume der Erkenntnis, welche die neugierige Eva naschte, und die ihr den Tod bereitete. Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches, und wer nicht mehr wünschen und hoffen kann, der ist des Todes.
Solch ein Erkenntnistraum sinkt oft in den Morgennächten auf die Menschen herab, aber der Himmel ist freundlich wie immer, und hüllt ihn in seine romantischen Nebel; nur wenn man in der späteren Zeit wieder einen teil jenes Traumes erfüllt glaubt, da dichtet man eine nächste Folge, aber man weiss sie nicht, und kann in Furcht und Hoffnung weiter leben.
Warum soll man diese Offenbarung nicht glauben? Webt sie doch nur aus den Anlagen und Kräften, aus den verborgenen Gedanken des Schläfers seine Zukunft!
Das waren die träumerischen Dinge, welche den halbschlafenden Valerius in jenen Morgenstunden umflatterten; welch eine geschichte