ein so edles, so vortreffliches Herz getan hatte, die Überzeugung, welche er dadurch gewonnen, jenes romantische Polen, für das er ausgezogen von seiner Heimat, existiere wirklich, Hedwig mit dem Schimmer ihrer lieblichen Jugend, die ganze kräftige Freude des Festes – das alles, glaubte er, habe seinen Trübsinn verscheucht. "Und die Fürstin hat wohl auch dazu beigetragen," setzte er leise hinzu. "Sie erinnert mich an die schönen Tage in meiner Heimat, an das poetische Grünschloss, an meine innige Kamilla! Ich habe dir versprochen, Kamilla, dein zu gedenken und dich zu küssen, wenn ich mich freue, vergib, dass es seit so langer Zeit zum ersten Male geschieht."
Während er wieder nach der Stadt zurückkehrte, erkämpfte er von seiner Eitelkeit noch einen neuen Grund, und da es eben eine verstockte Eitelkeit war, die er sich in seinem früheren so abgemachten und sicheren Wesen zum Vorwurf machte, so verfolgte er mit der Strenge eines Büssers jeden Sieg, den er über diese Schwäche zu erringen glaubte. "Sie ist die Schwester des Eigennutzes, und dieser der Erbfeind aller Bildung," sagte er, um sich in eine erhöhte Stimmung zu bringen und dadurch seinen Fehler desto lebhafter zu empfinden. "Sie hat von jeher die besten Menschen, und somit die besten Prinzipien unterjocht, die Führer und Träger neuer grosser Ideen haben sich von der alten verderbten Welt betören lassen durch eitlen Prunk und Glanz, so ist Cäsar, so Napoleon erlegen, so sind tausend weniger Bekannte immer wieder zurückgezogen worden unter den Tross der Gewöhnlichkeit."
Er glaubte nämlich, ein geheimes Etwas in ihm sei geschmeichelt oder bestochen vom Range der Fürstin, und die mehr als gewöhnliche Auszeichnung, mit der sie ihm begegne, mache darum einen so günstigen Eindruck auf ihn, weil sie von einer Fürstin ausgehe.
Sein ganzer demokratischer Stolz empörte sich dagegen, aber was helfen Grundsätze gegen anerzogene Schwächen! In unserem Zeitalter der grossen Standesunterschiede wächst mit einem grossen Teile der niedriger Geborenen ein verborgener irdischer Himmel auf, in welchem die höheren Stände sich bewegen, nach welchem der Geist strebt, ohne es zu wissen. Denn dieser wunderliche Himmel liegt wie eine unklare, ungestaltete Ahnung in diesen Menschen, und wenn sie mit vornehmen Leuten in genaue Lebensverhältnisse kommen, so fühlen sie sich in einer erhabeneren Sphäre, und doppelt glücklich, ohne dass ihr Stolz die richtige Deutung dieser Illusion auffinden lässt. Das schreitet vom Bauer zum Bürger, vom Adeligen zum Fürsten, und durch alle Mittelglieder dieser Stände. Es hilft nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus, der keine Reize kennt, und die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion. Denn der Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen. Diese Illusion völlig verwischen, hiesse die platte Prosa ins Leben einführen, und die edleren Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben, sondern sie mildern, sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine einstige völlige Ausgleichung eröffnen. Denn sie glauben an ein zukünftiges Äusserstes der menschlichen Zivilisation.
Aber all diese Dinge, welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner wohnung vorsprach, halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefühle, das in ihm erregt war. Jenes geheime Etwas – jenes geheime Etwas, das glaubte er wie ein wild verfolgen zu müssen, das war der unbestimmte Makel, auf den er alle seine Aufmerksamkeit richten wollte.
Darüber hatte er sich in den Strassen verirrt und war in eine enge Sackgasse geraten. Das Quergebäude, das die Gasse schloss, hatte ein grosses Tor, er glaubte eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen. Der Mondschein fiel eben auf das Tor, Valerius sah, dass der Mensch eingeschlafen war, er wusste indessen keinen Ausweg aus diesem Strassengewinde und sah sich genötigt, den Schläfer zu wecken, um Bescheid zu erhalten. Als er ihn rüttelte und nach dem Wege fragte, fuhr dieser bestürzt in die Höhe "ja, ja, Herr!" nahm Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen, dunklen Hof, nach einem alten Stallgebäude. Dabei bat er fortwährend mit leiser stimme, der Herr möge ihn nur nicht verraten, dass er geschlafen, er müsse den ganzen Tag Holz hauen, um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren, und es sei jetzt schon die dritte Nacht, dass er am Tore stehen, und den Fremden den Weg weisen müsse, da sei es ihm wohl zu vergeben. Dies und dergleichen sprach der Mann, und ehe noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort gesprochen hatte, sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben.
In dem weiten raum brannten nur einige Handlaternen, welche durch die hände, in denen sie schwankten, ihr flüchtiges Licht bald hier, bald dortin verbreiteten. Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius, dass er unter eine Versammlung geraten sei, die sich eben aufzulösen schien. Niemand hatte sein Eintreten bemerkt, wenigstens nahm niemand Notiz davon. Er hörte noch die Worte: "Also nichts von Skrzynecki, alles für den Alten, und den Tod den Hunden" und ein beifälliges Gemurmel. Die Versammlung zerstreute sich; und Valerius hüllte sich tief in den Mantel und ging mit von dannen, als ob er zu ihnen gehörte. Die Laternen waren verlöscht, er konnte niemand erkennen. Drinnen glaubte er einige bärtige Bauerngesichter erblickt zu haben, ein flüchtiger Mondblick zeigte ihm einige Militärmäntel, die vor ihm aus dem Tore traten, an